Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen – Mönchssittich, Segelfalter & Wiedehopf in Athen

Das Zitat im Titel stammt von dem deutschen Dichter Matthias Claudius aus dem Jahr 1786. Ich habe es gewählt, weil es perfekt für diesen Blog-Artikel passt. Eigentlich hatte ich nicht vor, Urlaubsberichte zu schreiben. Aber während meine Frau bei einer Konferenz in Athen schwitzte, hatte ich sehr viel Zeit, die Stadt zu erkunden. Was soll ich sagen, außer: Sag niemals nie! Ich hatte keinen konkreten Plan für Athen, aber als ich beim Spazieren durch die Stadt Menschenmassen sah, die sich ohne Schatten durch die Akropolis schoben, wusste ich, wo ich bei 35–40 Grad nicht hinwollte.

Halbkreisförmiges antikes Steintheater von Delphi mit gut erhaltenen Sitzrängen, Blick auf die halbrunde Orchestra und ein steiles Felsmassiv im Hintergrund. © Alexander Längauer

Schon bei der Tour nach Delphi sah ich mitten im archäologischen Park eine Kolonie von Wiedehopfen. Gerade der Wiedehopf ist ein Vogel, den ich bei uns noch nie getroffen habe (obwohl ich mehrere bestätigte Sichtungen ums Eck habe). Als ich in Athen die süßen Mönchssittiche sah, war das Motto klar: Weniger Stadt, mehr Hügel, Parks und Berge. Davon gibt es in Athen mehr als genug. Die Temperaturen waren für Ausflüge in die Natur sowieso besser geeignet, als in der Stadt zu verglühen.

Ruinen des Apollon-Tempels von Delphi auf einem Berghang mit dorischen Säulen, steinernen Fundamenten und Blick auf das grüne Tal unter blauem Himmel. © Alexander Längauer

Ich hatte einige Hügel wie den Lycabettus-Hügel, den Pnyx-Hügel sowie den Philopappos-Hügel in fußläufiger Distanz vom Hotel zur Auswahl. Außerdem war der Nationalgarten, der Ilisia-Park sowie das weitläufige und teils sehr grüne und parkähnliche Universitätsgelände direkt vor der Tür. Ich dachte, dass auch das Hymettos-Gebirge noch gut erreichbar war. Das sollte sich nach meiner 20-km-Wanderung von knapp über dem Meer auf fast 900 m und dem Muskelkater meines Lebens aber doch als kleiner Fehler herausstellen. Jedenfalls mangelte es nicht an Angeboten für eine kleine „Wildlife-Safari“ in Athen.

Langgestrecktes antikes Stadion in Delphi mit steinernen Tribünenrängen, umgeben von Nadelbäumen und felsigen Berghängen.
Im hoch gelegenen Stadion von Delphi wurden einst die Pythischen Spiele ausgetragen, eine der wichtigsten Wettkampfstätten des antiken Griechenlands. © Alexander Längauer

Quellen zu diesem Abschnitt: Hellenic Ornithological Society [2]

Die Mönchssittiche von Athen

Der Mönchssittich stammt ursprünglich aus Südamerika, dort ist er vor allem in Argentinien, Uruguay, Paraguay und Brasilien zu Hause. In der Vergangenheit wurden viele Tiere über den internationalen Zoohandel importiert und es konnten immer wieder welche fliehen (möglicherweise sind sie teilweise auch gezielt freigelassen worden). Vor allem in Barcelona, Madrid, Rom und Athen entwickelten sich sehr schnell große Kolonien.

Ein Mönchssittich sitzt auf einem kahlen Ast vor unscharfem, grün-gelbem Hintergrund und blickt aufmerksam zur Seite.
Nahaufnahme eines Mönchssittichs: Das charakteristische graue Gefieder an Brust und Stirn hebt sich deutlich vom kräftigen Grün der Flügel ab. © Alexander Längauer

Da das Klima den südamerikanischen Savannen sehr ähnlich ist und sich auch Nahrungsangebot wie Nistmöglichkeiten ähneln, war der Siegeszug der Mönchssittiche vorprogrammiert. Die Vögel sind sehr anpassungsfähige Pflanzenfresser und ernähren sich von so ziemlich allem, was sie finden. Früchte, Knospen, Blüten, Nüsse sowie frische Triebe stehen auf ihrem Speiseplan.

Mönchssittich frisst Pflanzenteile im Nationalgarten Athen
Ein grün-grauer Mönchssittich am Boden des Athener Nationalgartens hält feine grüne Pflanzenteile im Schnabel zwischen trockenem Laub. © Alexander Längauer

Quellen zu diesem Abschnitt: Vogelbund [4], Zootier-Lexikon [5]

Die Fütterung der Nestlinge

Die Jungtiere waren schon ziemlich groß, wurden aber noch gefüttert. Das war ein besonders faszinierendes Schauspiel, weil sie beim Betteln nach Futter mit den Flügeln wippen und dabei nicht zu überhören waren.

Drei grüne Mönchssittiche auf Kiefernästen; der Jungvogel im Vordergrund breitet lautstark bettelnd die Flügel aus
Mit ausgebreiteten Flügeln und lautstarken Rufen bettelt das Mönchssittich Jungtier nach Nahrung. © Alexander Längauer

Die Nestlinge werden über Regurgitation, dem Hervorwürgen eines angedauten Breis aus dem Kropf, versorgt. Dabei verhaken sie den Schnabel mit dem der Eltern und die Eltern pumpen den Nährstoffbrei in den Schlund des Jungvogels.

Zwei Mönchssittiche Schnabel an Schnabel auf einem Ast während der Regurgitation, bei der angedaute Nahrung an das Jungtier übergeben wird.
Soziales Verhalten und Fütterung: Ein Mönchssittich übergibt durch Regurgitation hochgewürgte, angedaute Nahrung direkt in den Schnabel des Nestlings. © Alexander Längauer

In Wien gab es im Türkenschanzpark und in den Donau-Auen um 2004 immer wieder Sichtungen von Halsbandsittichen. Sie sind allerdings wieder verschwunden, da es zu keiner stabilen Population kam.

Quellen zu diesem Abschnitt: Stadtwildtiere Wien [3], Vogelbund [4], Zootier-Lexikon [5]

Der Segelfalter – ein Falter mit südländischem Temperament

Der Segelfalter gilt bei uns als stark gefährdet. Ich staunte nicht schlecht, als ich ihn in Athen buchstäblich überall entdecken konnte. Der Segelfalter ist eine thermophile (wärmeliebende) Art, die sich vor allem im Süden Europas sehr wohlfühlt. Bei uns wird es durch die Klimaveränderung zwar immer wärmer, allerdings wirken sich die zunehmenden Wetterextreme (wie extrem trockene Sommer oder Spätfrost) stark auf die Population aus. Durch die intensivierte Landwirtschaft kam es zu einem starken Verlust des Lebensraums der Segelfalter. Er braucht vor allem Hecken, Büsche und Streuobstwiesen. Eine weitere Gefahr sind Pestizide, sie töten die Raupen direkt. Wo sie eingesetzt werden, gibt es den Segelfalter nicht mehr.

Segelfalter mit weit geöffneten, charakteristisch schwarz-gelb gestreiften Flügeln auf einem dünnen Ast vor blauem Himmel.
Auf dem Lycabettushügel lassen sich Segelfalter gut bei der Nutzung der Thermik und Paarsuche an exponierten Ansitzplätzen beobachten. © Alexander Längauer

Die bevorzugten Lebensräume des Segelfalters sind trockene Landschaften. Er liebt Trockenhänge, Magerrasen, steinige Landschaften wie auch Streuobstwiesen und Weinberge.

Nahaufnahme eines Segelfalters im Seitenprofil, der an einem trockenen Zweig sitzt und nach links blickt; im Hintergrund unscharfe Vegetation und blauer Himmel.
Ein Segelfalter sitzt bei Wind auf einem Ansitz. Die markanten Schwanzfortsätze an den Hinterflügeln helfen dem Segelfalter bei der Stabilisierung in der Zugluft. © Alexander Längauer

Quellen zu diesem Abschnitt: Schmetterlings-Schule [6], Nationalpark Donau-Auen [7], Wikipedia [8]

Hilltopping – Der Segelfalter als Hügelflitzer

Der Segelfalter zeigt ein spannendes Verhalten bei der Balz. Männchen wie Weibchen fliegen gezielt zum höchsten Punkt der Umgebung. Die Männchen segeln anschließend auf dem höchsten Punkt im Kreis und setzen sich immer wieder auf exponierte Ansitze. Das Verhalten, das ich aus nächster Nähe beobachten konnte, nennt sich Hilltopping.

Segelfalter im Profil von rechts mit feinen Fühlern, gelb-schwarzer Flügelzeichnung und blauen Pfauenaugen-Mustern am Flügelrand.
Beim Hilltopping verharren Schmetterlinge oft minutenlang an exponierten Sträuchern, was seltene Detailaufnahmen der filigranen Flügelstruktur ermöglicht. © Alexander Längauer

Aufgrund des geringen Geschlechtsdimorphismus (Männchen und Weibchen unterscheiden sich kaum voneinander) kann ich leider nicht sicher sagen, ob es sich bei meinen Bildern um ein Männchen oder ein Weibchen handelte. Aufgrund des beobachteten Verhaltens (das Aufsuchen erhöhter Ansitze) handelt es sich wahrscheinlich um ein Männchen beim „Hilltopping“.

Ein Segelfalter klammert sich senkrecht von vorne gesehen an eine dünne Pflanzenspitze vor strahlend blauem Himmel.
Typisches Hilltopping am Gipfel des Lycabettus: Segelfalter nutzen die höchsten Erhebungen in Athen, um Ausschau nach Geschlechtspartnern zu halten. © Alexander Längauer

Quellen zu diesem Abschnitt: Nationalpark Donau-Auen [7], Wikipedia [8]

Der Wiedehopf – Der Punk unter den Vögeln

Ich staunte nicht schlecht, als ich auch in Athen zahlreiche Wiedehopfe beobachten konnte. Selbst in den Parks in der Stadt war er überall vertreten. Bei uns in Österreich ist der Wiedehopf streng geschützt und vom Aussterben bedroht. Laut BirdLife Österreich haben wir aktuell noch 450–600 Brutpaare. In Wien ist er sehr selten anzutreffen, aktuell gibt es auch keine bestätigten Brutpaare.

Nahaufnahme eines Wiedehopfs im Profil auf einem Ast mit Blick nach links, umgeben von feinen Kiefernnadeln.
Mit seinem langen, leicht gebogenen Schnabel sucht der Wiedehopf im Boden nach Insekten zwischendurch rastet er auf Ansitzen in Ästen. © Alexander Längauer

Warum ist der Wiedehopf bei uns so selten und in Griechenland stark vertreten?

Auch hier ist die traurige Antwort sehr ähnlich wie beim Segelfalter. Der Wiedehopf war einst ein weit verbreiteter Brutvogel in Österreich. Die Umstrukturierung und Intensivierung der Landwirtschaft haben zu einem starken Verlust seines Lebensraums geführt. Die massiven Pestizideinsätze in der Vergangenheit haben fast zum vollständigen Verlust seiner Lieblingsnahrung, den Larven von Mai- und Junikäfern, geführt. Ein weiteres Problem ist die Überdüngung, die dazu führt, dass der Pflanzenbewuchs oft so dicht ist, dass er seine Beute nicht mehr finden kann.

Ein Wiedehopf sitzt von hinten gesehen auf einem verzweigten, trockenen Ast vor weich verschwommenem, grünem Hintergrund.
Die auffällige schwarz-weiße Bänderung der Flügel hebt sich im Flug und auf freien Ästen stark von der Umgebung ab. © Alexander Längauer

Der Wiedehopf braucht vor allem lockeren Trockenrasen für seine Nahrungssuche. In Weingärten braucht es eine besonders bodenschonende Bewirtschaftung, damit er dort Nahrung finden kann. Durch die zahlreichen Maßnahmen in Österreich und vor allem auch in der Stadt Wien besteht Hoffnung, die Population der Wiedehopfe in Österreich wieder zu steigern.

Wiedehopf sitzt auf einem Kiefernast, die orange Federhaube mit den schwarzen Spitzen ist deutlich aufgestellt.
Typische Ruhehaltung: Im entspannten Zustand liegt die markante Federhaube des Wiedehopfs flach nach hinten an und bildet ein schlankes Kopfprofil. © Alexander Längauer

Zum Glück gibt es Organisationen wie den gemeinnützigen Verein Wagrampur, die sich besonders der Erforschung des Lebensraums und dem Schutz der am Wagram beheimateten Flora und Fauna widmen.

Zwei Wiedehopfe rasten auf einem dicken Kiefernstamm vor grünem Laubwerk.
Keine seltene Begegnung im Ilisia Park mitten in Athen: Zwei Wiedehopfe nutzen denselben Baumstamm als Beobachtungsposten. © Alexander Längauer

Den Begriff Wagram finde ich sehr spannend. Wie ich bei meinen Recherchen herausfand, war mir die Bedeutung nicht bekannt bzw. hatte ich eine falsche Vorstellung. Der Begriff Wagram setzt sich aus den historischen Begriffen „wac“ (für Welle) und „rain“ (für Wiese oder Hang) zusammen. Er stammt aus dem Mittelhochdeutschen und bedeutet heute so viel wie Geländestufe.

Ein Wiedehopf mit orange-braunem Gefieder, aufgestellter Federhaube und langem Schnabel sitzt auf einem dicken Pinienast vor sonnigem, grünem Hintergrund.
Die schattigen Kiefern- und Pinienhänge des Lycabettus-Hügels bieten dem Wiedehopf ideale Ansitz- und Rückzugsorte. © Alexander Längauer

Quellen zu diesem Abschnitt: Naturschutzbund OÖ [9], BirdLife Österreich [10], Naturpark Südsteiermark [11], Verein Wagrampur [12], Region Wagram [13]

Ein Appell an eine möglichst nachhaltige Landwirtschaft und den Naturschutz

Wie sich sowohl beim Segelfalter als auch beim Wiedehopf zeigt, sind besonders geschützte Regionen wie der Drei-Anger-Regionalpark, der Norbert-Scheed-Wald, der Bisamberg oder der Nationalpark Donau-Auen besonders wichtig für die Biodiversität in der Stadt. Ich finde das ist ein sehr guter Anfang und ich bin sehr froh über die zahlreichen Projekte und die große Aufmerksamkeit, die durch diese Projekte erzielt wird. Ich sehe es als unsere Verantwortung, dafür Sorge zu tragen, die von uns Menschen zerstörte Lebensgrundlage gefährdeter Arten so gut und so weit wie möglich wiederherzustellen und bestehende Habitate besonders zu schützen.

Quellen zu diesem Abschnitt: Stadt Wien – Umweltschutz [1], Nationalpark Donau-Auen [7]

Quellenverzeichnis

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