Letzte Woche hatte ich ein Erlebnis, das meine bisherige Publikationsplanung auf den Kopf gestellt hat. Eigentlich wollte ich heute von einer ganz anderen spannenden Tour erzählen, aber diese besondere Sichtung von letztem Samstag muss vorgezogen werden!
1. Eine unerwartete Begegnung am Feldrain
Ich war gerade mit dem Fahrrad zu meinem eigentlichen Ziel, dem Norbert-Scheed-Wald, unterwegs. Plötzlich kreuzte ein Stück weiter vorne ein relativ großes Tier meinen Weg. Es sprang über die Straße und verschwand blitzschnell im dichten Maisfeld. Ich sah es nur für einen kurzen Augenblick – aber dieser eine Moment brannte sich ein. Als das Tier weg war, schoss es mir sofort durch den Kopf: Hab ich das gerade geträumt oder war dieses Tier tatsächlich weiß?
Ich war mir im ersten Moment nicht sicher, ob mir meine Augen einen Streich gespielt hatten. Ich sprang vom Rad, versteckte mich hinter einem kleinen Busch und richtete meine Kamera ein. Da das Maisfeld nicht allzu groß ist, hoffte ich inständig, dass das Tier bald wieder auf der richtigen Seite des Feldes auftaucht.

Schon nach wenigen Minuten bewegte sich etwas im Mais. Das Tier steckte vorsichtig den Kopf aus dem Feld und starrte genau in meine Richtung. Mein erster Gedanke war: Wow, ein weißes Reh! In all den Jahren, die ich nun schon im Regionalpark und der Umgebung unterwegs bin, habe ich hier schließlich noch nie einen Hirsch gesehen. Aber ich sollte mich irren. Das Tier war zwar noch jung, für ein Reh aber schon viel zu groß.
2. Der Norbert-Scheed-Wald als grüner Korridor
Dass mir ausgerechnet hier so ein besonderer Gast über den Weg läuft, ist bei genauerem Hinsehen gar kein Zufall. Ich war auf dem Weg zum Norbert-Scheed-Wald, über den ich euch ja erst kürzlich berichtet habe (siehe auch meinen Beitrag zur Region Süd auf 3Anger.at).
Dieses Schutzgebiet erfüllt eine enorm wichtige Funktion als grüner Korridor und Trittsteinbiotop. Es verbindet die landwirtschaftlichen Flächen im Wiener Nordosten direkt mit den weitläufigen Donauauen. Über genau solche Wiesen- und Waldstreifen können Wildtiere geschützt wandern und so gelangen immer wieder auch größere Säugetiere aus den Auen in den Norden Wiens.
Quellen für dieses Kapitel: Stadt Wien – Wildtierservice [1], 3Anger.at [2]
3. Reh, Damwild oder Rotwild – Wer steht da vor mir?
Aber zurück zur Artbestimmung: In Österreich und vor allem rund um die Wiener Außenbezirke kommen grundsätzlich drei Wildarten infrage, die sich bei genauerem Hinsehen recht deutlich voneinander unterscheiden.
Das Reh (Capreolus capreolus)
Als unsere kleinste heimische Hirschart bringt ein ausgewachsenes Reh meist nur 15 bis maximal 30 kg auf die Waage. Charakteristisch für das Reh ist der feingliedrige und leicht überbaute Körper, bei dem das Hinterteil etwas höher liegt als die Schultern. Das Reh fällt damit als Möglichkeit weg, da das Tier vor mir dafür zu mächtig war.
Das Damwild (Dama dama)
Diese Art liegt mit einem Körpergewicht zwischen 40 und 100 kg zwischen Reh- und Rotwild. Beim Damwild gibt es natürliche Farbabweichungen, die von schwarz bis weiß reichen können. Zu den typischen Erkennungsmerkmalen zählen außerdem der vergleichsweise lange Wedel (Schwanz) sowie das gefleckte Sommerfell.
Das Rotwild (Cervus elaphus)
Der Rothirsch ist die mit Abstand größte heimische Wildart, bei der selbst eine ausgewachsene Hirschkuh 80 bis 150 kg wiegen kann. Sie zeichnet sich durch lange, kräftige Läufe, einen gestreckten Rumpf und ein breites, markantes Haupt (Kopf) aus.

Exkurs: Woher stammt das Damwild eigentlich?
Anatomisch ist das Damwild (Dama dama) zwar perfekt an mitteleuropäische Mischwälder angepasst. Es war vor sehr langer Zeit sogar bei uns heimisch. Doch die letzte Eiszeit verdrängte die Art komplett aus unseren Breitengraden. Das Damwild wurde immer weiter in den Süden verdräng wo es schließlich östlichen Mittelmeerraum und im Vorderen Orient seine neue Heimat fand.
Wie die Rückkehr nach Europa exakt ablief, enthüllte erst kürzlich eine Studie mithilfe von aDNA-Analysen (ancient DNA). Bei dieser Methode wird Jahrtausende altes Erbgut aus fossilen Knochen- und Zahnfunden isoliert, um genetische Verwandtschaften zurückzuverfolgen. Die Daten belegen eindrucksvoll, dass Antike Seefahrer wie Phönizier, Griechen und Römer das Damwild als begehrtes Park- und Jagdwild über das Mittelmeer transportierten. Durch spätere Ausbrüche aus herrschaftlichen Wildgattern etablierte sich die Art wieder in Europa. Während in Teilen Österreichs heute freilebende Bestände existieren, gibt es in Wien und der direkten Umgebung keine heimische Damwildpopulation.
Quelle für diesen Exkurs: Staatliche Naturwissenschaftliche Sammlungen Bayerns (SNSB) [3]
Damwild oder junges Rotwild? Der Merkmalsvergleich
Ein ausgewachsener Rothirsch ist eindeutig größer und massiver als dieses Tier. Nach Rücksprachen mit Experten zeigte sich, dass es sich sehr wahrscheinlich um ein junges Rotwild handelt. Entweder um ein sogenanntes Schmaltier (ein weibliches Tier im zweiten Lebensjahr) oder um ein spätes Kalb aus dem Vorjahr.
Auf den ersten Blick lassen sich das Damwild und ein junger Rothirsch schnell verwechseln. Wenn man die feinen anatomischen Details vergleicht, sprechen die Merkmale im Feld jedoch recht deutliche für das Rotwild.
Während das Damwild einen eher kompakten Rumpf mit einem kürzeren Hals besitzt, wirkt ein junges Rotwild-Schmaltier durch seinen kräftigeren Knochenbau langgestreckter und hochbeiniger. Der Wedel (Schwanz) des Damwilds fällt mit 20 bis 25 cm Länge deutlich auf und wippt in der Bewegung ständig mit. Beim Rotwild ist er mit nur 12 bis 15 cm wesentlich kürzer.

Das Damwild hat im Vergleich etwas kürzere Ohren und ein Stirnprofil mit deutlichem Absatz, wohingegen das Rotwild lange Lauscher und eine sehr gerade, gestreckte Nasenlinie aufweist.
Diese feinen morphologischen Merkmale – kombiniert mit dem Fakt, dass wir am Wiener Stadtrand keine Damwildpopulation haben, wohl aber ein stabiles Vorkommen von Rotwild in den angrenzenden Donauauen – machen es letztlich sehr wahrscheinlich, dass ich hier tatsächlich einen jungen, leuzistischen Rothirsch beobachten konnte.
Quellen für diesen Abschnitt: Staatliche Naturwissenschaftliche Sammlungen Bayerns (SNSB) [3], Österreichischer Jagdverband [4], Österreichische Bundesforste [5]
4. Albinismus oder Leuzismus – Woher stammt die weiße Farbe?
Es bleibt noch ein weiteres Rätsel: Warum ist das Tier weiß? In der Biologie unterscheidet man zwischen zwei genetischen Ursachen: Albinismus und Leuzismus.
Albinismus: Der vollständige Farbausfall
Beim Albinismus fehlt dem Körper ein bestimmtes Enzym (Tyrosinase), mit dem der dunkle Farbstoff Melanin hergestellt wird. Haut, Fell und Geweih sind komplett weiß. Das eindeutigste Kennzeichen sind rosa oder rote Augen, weil das Blut am Augenhintergrund durchscheint. Für das Tier ist das eine harte Bürde: Ohne Farbpigmente im Auge sind Albino-Tiere extrem lichtempfindlich und sehen meist sehr schlecht.
Leuzismus: Die Blockade auf dem Weg zur Haut
Bei unserer Wiener Hirschkuh liegt die Ursache für das helle Erscheinungsbild an einer anderen genetischen Besonderheit: dem sogenannten Leuzismus. Das Faszinierende daran ist, dass der Körper des Tieres theoretisch in der Lage wäre, das Farbpigment Melanin herzustellen. Es liegt allerdings eine Störung in der embryonalen Entwicklung vor, wodurch die farbstoffbildenden Zellen auf ihrem Weg von der Nervenleiste nicht, oder nicht vollständig in die Haut und das Fell wandern.

Ein genauer Blick auf die Fotos liefert Gewissheit: Die junge Hirschkuh besitzt dunkel glänzende Knopfaugen, eine dunkle Nase und ebenso dunkle Hufe. Es handelt sich also sehr wahrscheinlich um ein leuzistisches Tier, das völlig unbeeinträchtigt vor den Toren Wiens unterwegs ist.
Quellen für dieses Kapitel: NABU Deutschland [6]
Quellenverzeichnis
- [1] Stadt Wien – Wildtierservice: Beratung und Meldeplattform für Wildtiere im Stadtgebiet: wien.gv.at/zusammenleben/wildtiere
- [2] 3Anger.at: Bericht zum Norbert-Scheed-Wald Region Süd: 3anger.at/norbert-scheed-wald-region-sued
- [3] Staatliche Naturwissenschaftliche Sammlung Bayerns: Kreuz und quer durch Süd- und Westeuropa: Umsiedlungsgeschichte von Damwild geht bis in die Jungsteinzeit zurück: https://snsb.de/umsiedlungsgeschichte-damwild/
- [4] Österreichischer Jagdverband: Steckbriefe heimischer Wildarten:
- https://www.jagd-oesterreich.at/wildinformation/schalenwild/
- [5] Österreichische Bundesforste (ÖBF): Naturraummanagement & Wildtier-Informationen: https://www.bundesforste.at/
- [6] NABU Deutschland: Launen der Natur – Über Albinos und Leuzismus: https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/voegel/vogelkunde/gut-zu-wissen/31159.html




Wow, ein Wahnsinn!