Mein Einsatzbereich im Herzen des DreiAnger Regionalparks ist weit gefasst und schließt neben der offenen Kulturlandschaft auch die Orte Süßenbrunn und Gerasdorf mit ein. Im Norden nimmt das Gebiet mit den weiten Ackerflächen unterhalb des Marchfeldkanals seinen Anfang. Hier finden sich nicht nur der schöne Gerasdorfer Badeteich, sondern auch ausgedehnte landwirtschaftliche Flächen. Die äußere Grenze ziehe ich an der Autobahn, da das dahinterliegende Marchfeld um einiges weitläufiger und in seiner Struktur wesentlich monotoner ist.

Gerasdorf selbst erstreckt sich vom Norden bis weit in das Zentrum dieses Bereichs. Ich habe mich in der Vergangenheit oft gefragt, warum der Ort eigentlich so auffallend „zersiedelt“ wirkt und aus so vielen, teils isolierten Siedlungsteilen besteht. Im Zuge meiner Recherchen zur Geschichte des Regionalparks bin ich in der offiziellen Stadtchronik auf die bewegte Antwort gestoßen.
Fünf Orte, eine Stadt: Das historische Puzzle von Gerasdorf
Die heutige Stadtgemeinde Gerasdorf bei Wien ist kein historisch gewachsenes, geschlossenes Dorf, sondern ein Puzzle aus fünf ehemals eigenständigen Ortsteilen und Siedlungen, die erst im Laufe der Jahrhunderte zusammengeführt wurden.

- Die historischen Wurzeln: Die beiden ältesten Kerne sind Gerasdorf (um 1200 als Gerhartesdorf erstmals urkundlich erwähnt) und das ehemals eigenständige Seyring mit seinem barock-klassizistischen Schloss. Durch ihre völlig ungeschützte Lage am Rand des Marchfelds wurden beide Orte in den vergangenen Jahrhunderten im Zuge von Kriegen und den Türkenbelagerungen immer wieder vollständig niedergebrannt und verwüstet.
- Das Rätsel um Kapellerfeld und Oberlisse: Der Name Kapellerfeld geht auf das mittelalterliche Dorf „Kapellen“ zurück. Dieses lag rund 400 Meter weiter südlich, verödete jedoch Mitte des 16. Jahrhunderts komplett. Die Gerasdorfer Bauern pachteten die freien Flächen als Weideland. Ähnlich verhält es sich mit der Oberlisse: Als „Lisse“ bezeichnete man früher die den Bauern zugeteilten Ackerstreifen – die Oberlisse war schlicht das höher gelegene Ackerland.
- Vom Ackerland zur Siedlung: Der eigentliche Grund für das heutige, weitläufige Ortsbild liegt in der Zwischenkriegszeit. Als sich die wirtschaftliche Lage nach dem Ersten Weltkrieg stark verschlechterte, parzellierten die Gerasdorfer Landwirte ihre weit verstreuten Äcker (wie die Oberlisse und das Kapellerfeld) und verkauften sie als günstiges Gartengrundstücksland. Aufgrund der hohen Mietpreise im nahen Wien zog es ab den 1930er-Jahren tausende Wiener an den Stadtrand. Es entstanden rasch wachsende, eigenständige Siedlungskerne mitten auf den ehemaligen Feldern.
- Ein moderner Wald als Namenspatron: Der Name des Ortsteils Föhrenhain ist ein Produkt dieser Epoche. Er erinnert an den Versuch aus den Zeiten Maria Theresias, das Marchfeld durch das gezielte Anpflanzen von Föhrenwäldern vor dem gefürchteten Flugsand zu schützen.
Nach einer wechselhaften Phase – unter anderem der vorübergehenden Eingemeindung zu „Groß-Wien“ während der NS-Zeit und der schrittweisen Zusammenlegung mit Seyring in den 1970ern – wurde Gerasdorf schließlich 1999 offiziell zur Stadt erhoben. Das Gesicht der heutigen Stadt ist also durch die Wiener Wohnungsnot und jahrhundertealte Flurgrenzen geformt worden. (Wer tiefer eintauchen möchte, findet die Details in der Gerasdorfer Stadtchronik).
Vom Schotten-Brunnen zur Schuhmanufaktur: Die Spurensuche in Süßenbrunn
Direkt südlich an die Gerasdorfer Äcker grenzt Süßenbrunn, das heute zum 22. Wiener Gemeindebezirk gehört. Wer durch den alten Ortskern spaziert, kann die ursprüngliche Struktur des Angerdorfs noch erkennen. Auch Süßenbrunn birgt eine bewegte Geschichte, die tief im Mittelalter verwurzelt ist.

- Das Rätsel um das „süße“ Wasser: Der Ort taucht bereits um 1140 erstmals in den Urkunden auf – damals schlicht unter dem Namen Prunne (Brunnen) und im Besitz des Wiener Schottenstiftes. Woher das spätere „Süßen-“ im Namen stammt, ist bis heute nicht ganz klar: Die einen sagen, es beschrieb die außergewöhnlich gute, süßliche Wasserqualität der lokalen Brunnen mitten im sonst oft kargen Marchfeld. Die anderen vermuten dahinter den Namen eines frühen Schlossbesitzers aus dem 12. Jahrhundert – Graf Sicco (oder Sizzo).
- Edelmannssitz und Flammenmeer: Im Jahr 1620 wurde Süßenbrunn offiziell als feiner Edelmannssitz erwähnt. Sowohl 1529 als auch 1683 wurde das Dorf während der Türkenbelagerungen von den osmanischen Truppen nahezu vollständig dem Erdboden gleichgemacht und musste aus der Asche neu aufgebaut werden.
- Ein Wasserschloss im Wandel: Das optische Herzstück des Ortes ist zweifellos das Schloss Süßenbrunn, das 1713 als barockes Wasserschloss neu errichtet und im 19. Jahrhundert im Stil der Frühromantik umgestaltet wurde. Lange Zeit diente es als Zentrum eines großen Landwirtschaftsbetriebes, bevor es eine unerwartete Renaissance erlebte: Seit 2011 haucht die traditionelle Wiener Schuhmanufaktur Ludwig Reiter dem geschichtsträchtigen Areal als Hauptsitz neues Leben ein.
- Die Kirche auf dem Anger: Wo heute die moderne Pfarrkirche steht, wurde erst relativ spät – im Jahr 1837 – eine kleine Kapelle direkt auf dem historischen Dorfanger errichtet. Lange Zeit gehörte Süßenbrunn kirchlich zum benachbarten Gerasdorf. Erst in den späten 1960er-Jahren löste man sich von der Nachbargemeinde und wurde eigenständig, bevor das alte Gotteshaus 1980 durch den heutigen, markanten Neubau ersetzt wurde.
- Der Sprung nach Groß-Wien: Ähnlich wie Gerasdorf verlor auch Süßenbrunn im schicksalhaften Jahr 1938 seine jahrhundertelange Eigenständigkeit als niederösterreichische Gemeinde und wurde im Zuge der Schaffung von „Groß-Wien“ eingemeindet. Während Gerasdorf nach dem Krieg wieder eigenständig wurde, verblieb Süßenbrunn dauerhaft bei Wien und bildet seit 1954 gemeinsam mit den umliegenden ehemaligen Dörfern den heutigen Bezirk Donaustadt. (Mehr historische Details gibt es im Wien Geschichte Wiki).

Lebendige Landschaften: Ziesel-Beobachtungen am Badeteich
Genug Geschichte, verlassen wir die historischen Ortskerne und begeben wir uns wieder hinaus in die Natur, wo das Zentrum des Regionalparks sein lebendiges Gesicht zeigt. Besonders am Gerasdorfer Badeteich wird man schnell von sehr wuseligen Nachbarn begrüßt: Hier treibt eine relativ große Zieselpopulation ihr Unwesen. Was gibt es Entspannenderes, als nach dem Schwimmen auf der Wiese zu liegen und die flinken europäischen Erdhörnchen bei ihren täglichen Abenteuern zu beobachten? Wer Golf spielt, kann die Ziesel auch direkt auf dem Gelände des Golfclubs in Süßenbrunn antreffen. Der dortige Golfplatz beherbergt ebenfalls eine erstaunlich stabile Population, die sich vom Spielbetrieb kaum aus der Ruhe bringen lässt.

In Süßenbrunn selbst gibt es zudem einen kleinen öffentlichen Badesee, an dem man gratis baden kann. Mit seinen schattenspendenden Bäumen und gepflegten Liegewiesen lädt er zum Schwimmen und Rasten ein. Mein persönliches Highlight ist jedoch nicht der See, sondern das Netz aus vielen, großteils von alten Bäumen gesäumten Feldwegen in der direkten Umgebung.

Das gelbe Phantom und versteckte Gewässer
Genau hier, in den dichten Hecken- und Baumbeständen entlang der Wege, ist das „gelbe Phantom“ – der Pirol – sowie die Nachtigall stark vertreten. Der schöne Gesang der Beiden ist in der Umgebung oft zu hören. Eine tatsächliche Sichtung ist allerdings nur mit sehr viel Glück und Geduld verbunden.

Folgt man den Feldwegen weiter, gelangt man zu zwei weiteren Gewässern: die weitläufige Transportbetongrube und die kleinere Meiergrube. Beide befinden sich in Privatbesitz und sind leider nicht öffentlich zugänglich. Laut dem offiziellen Landschaftsplan zum Regionalpark DreiAnger könnte sich das zumindest in Zukunft ändern, um den Menschen der Region neue Erholungsräume zu öffnen (Wer einen Blick auf die Planungen werfen möchte: Das Konzept ist auf den Seiten 38 und 39 des Landschaftsplans Regionalpark DreiAnger zu finden).
Luftakrobaten und Revieransprüche über den Feldern
Selbst so nah an an der Stadt gibt es viel zu entdeckn. Auf den Landwirtschaftsflächen im Zentrum und vor allem rund um die Transportbetongrube ist der aktuelle Vogel des Jahres – der Kiebitz – immer wieder bei seinen typischen, gaukelnden Balzflügen zu beobachten.

Auch die Greifvögel schätzen das reiche Nahrungsangebot über den offenen Feldern: Mäusebussarde, Turmfalken und die besonders eleganten Rohrweihen sind hier sehr aktiv und stecken immer wieder unmissverständlich ihre Revieransprüche ab. Ein ganz besonderes Highlight der letzten Monate ist für mich zudem ein Neuntöter-Pärchen, das ich hier regelmäßig an seinem Ansitz beobachten kann. Rund um die Reitställe sind Schafstelzen und Schwalben zu finden, da sie dort perfekte Bedingungen für die Insektenjagd finden.
Ausblick: Zu Besuch bei den flinken Baumeistern
Vor allem im Zentrum des Regionalparks ist gut zu sehen, wie eng Kulturlandschaft, Geschichte und wilde Natur miteinander verbunden sein können.Ein ganz besonderer Bewohner dieses Bereichs hat mein Herz im Sturm erobert: das Europäische Ziesel.
Die kleinen, flinken Erdhörnchen sind nicht nur sehr fotogen, sondern auch echte Überlebenskünstler. Wie sie zwischen Badegästen und Golfbällen ihre Tunnel bauen, aufmerksam die Gegend beobachten und bei Gefahr blitzschnell wieder im Boden verschwinden, fasziniert mich bei jedem Besuch aufs Neue. Doch so verspielt die Kolonien wirken, so streng geschützt und gefährdet sind ihre Lebensräume auf den verbleibenden Trockenrasenflächen.
Im nächsten Blog-Artikel dreht sich deshalb alles um diese charmanten Baumeister.




