Diese Woche ist es wieder an der Zeit für einen Tourbericht. Wir drehen die Zeit ein wenig zurück zum 14 Juni. Wegen der zunehmenden starken Hitzeperioden im Sommer versuche ich meine Touren immer zeitig in der Früh zu starten. Ich bin noch nicht dafür bereit mir den Wecker auf 5:00 zustellen um den Sonnenaufgang zu erwischen. Meine innere Uhr weckt mich mittlerweile aber sowieso meistens vor 7:00. An diesem Tag war mein Ziel der Bisamberg.
Die Route: Von Süßenbrunn über Gerasdorf nach Stammersdorf
Ich startete von Süßenbrunn hoch zum Marchfeldkanal und dann über den kleinen Wagram Richtung Gerasdorf. Auf dieser Strecke sehe ich immer wieder Bienenfresser, einen Schwarzmilan, der vermutlich in der Region sein Jagdgebiet hat (den ich aber leider bisher nicht geschafft habe gut abzulichten), und mehrere Mäusebussarde. Vom kleinen Wagram aus, gibt es auch einige wunderschöne Blicke Richtung Donauplatte.
Von Gerasdorf ging es weiter Richtung Stammersdorf, womit alle drei Angerdörfer des Regionalparks DreiAnger auf dieser Tour verbunden wurden. Direkt hinter der Brünnerstraße gibt es eine alte Bahntrasse, die als Radweg ausgebaut wurde. Es ist herrlich, in dieser Allee zu radeln. Keine Autos, viel Platz und man hat einen sehr schönen Blick auf den Bisamberg. An diesem Tag sah ich in der Ferne über dem Bisamberg einen mittelgroßen Greifvogel, den ich nicht sofort identifizieren konnte. Ich staunte nicht schlecht, als ich später herausfand, dass es sich um einen Zwergadler handelte.

Der Zwergadler im Portrait
Steckbrief und körperliche Merkmale: Ein Adler im Kleinformat
Der wissenschaftlich als Hieraaetus pennatus bezeichnete Zwergadler ist mit einer Körpergröße von 42 bis 51 Zentimetern sowie einer Flügelspannweite von 110 bis 135 Zentimetern kaum größer als ein Mäusebussard. Ein deutlicher Geschlechtsdimorphismus (Unterschiede im Aussehen, der Größe oder der Form zwischen männlichen und weiblichen Individuen derselben Art) zeigt sich beim Körpergewicht: Während die Männchen etwa 510 bis 770 Gramm auf die Waage bringen, sind die Weibchen mit 840 bis 1025 Gramm spürbar schwerer. In freier Wildbahn können diese Vögel ein beachtliches Alter erreichen. Der offizielle Ringfund-Rekord der europäischen Dachorganisation Euring liegt bei fast 24 Jahren.

Farbvarianten im Flugbild: Die Tücke der zwei Morphen
Besonders faszinierend sind die zwei völlig unterschiedlichen Farbvarianten, die sogenannten Morphen, in denen der Zwergadler auftritt. Bei der hellen Morphe kontrastieren die strahlend weiße bis cremefarbene Körperunterseite und die vordere Unterflügeldecke mit den schwarzen Schwungfedern. Vögel der dunklen Morphe sind fast am gesamten Körper dunkel- bis graubraun gefärbt. Sie können im Flug leicht mit einer Rohrweihe oder einem Schwarzmilan verwechselt werden, lassen sich aber bei genauem Hinsehen an ihrer kompakteren, adlerartigen Silhouette und den vollständig gefiederten Beinen unterscheiden.

Jagdmethode: Rasante Sturzflüge aus der Luft
In seinem Jagdverhalten erweist sich der Zwergadler als wendiger und rasanter Flieger. Seine Beute – die hauptsächlich aus kleinen Säugetieren wie Mäusen oder jungen Wildkaninchen, Reptilien sowie kleineren Vögeln besteht – schlägt er bevorzugt nach einem spektakulären, steilen Sturzflug direkt aus der Luft oder vom Boden.
Lebensraum und Zugverhalten: Ein Gast aus dem Süden
Als Lebensraum bevorzugt der Greifvogel strukturreiche, halboffene Waldlandschaften und Kulturland, in denen sich dichte Altholzbestände für den Nestbau mit offenen Jagdflächen abwechseln. Seine europäischen Hauptvorkommen liegen im Mittelmeerraum, insbesondere auf der Iberischen Halbinsel, sowie in Osteuropa. Der Zwergadler ist ein Langstreckenzieher, der den Winter im tropischen Afrika verbringt und erst im Laufe des Aprils wieder in den europäischen Brutgebieten eintrifft. In Österreich gilt die Art seit langer Zeit als ausgestorben (beziehungsweise als verschollen) und wird hierzulande nur noch in Ausnahmefällen als Gastvogel registriert.

Quellen für dieses Kapitel: Schweizerische Vogelwarte [1], avi-fauna.info [2]
Spannende Erkenntnisse zum Sozialverhalten
Reviertreue und kooperative Bruten: Hilfe durch Drittvögel
Obwohl Zwergadler prinzipiell in einer monogamen Saisonehe leben, führt ihre Treue zum gewählten Revier dazu, dass sich dieselben Partner normalerweise jedes Jahr wieder am selben Horst einfinden. Eine Langzeitstudie in Spanien dokumentierte darüber hinaus die Existenz von kooperativen Bruten. In seltenen Fällen bilden die Vögel Trios, bei denen ein dritter, meist jüngerer Adler das Brutpaar aktiv bei der Verteidigung des Nestes und der Fütterung der Jungvögel unterstützt. Das „Bruthelfer-Phänomen“ kennen wir schon von den Bienenfressern.
Quelle für diesen Abschnitt: Martínez, J. E. & López-González [3]
Konflikte im Nest: Wenn Geschwisterliebe Grenzen hat
Weniger friedlich geht es hingegen im Nest selbst zu. Wenn zwei Eier ausgebrütet werden, kommt es unter den frisch geschlüpften Küken sehr häufig zu aggressivem Verhalten, dem sogenannten fakultativen Kainismus. Insbesondere bei anhaltendem Nahrungsmangel attackiert das erstgeborene und somit kräftigere Junge sein kleineres Geschwisterteil vehement. Dies kann so weit führen, dass das schwächere Küken die Angriffe nicht überlebt.
Quelle für diesen Abschnitt: García Dios [4]

Wie der Ernährungszustand die Selbstständigkeit steuert
Gleichzeitig zeigen Zwergadler eine bemerkenswerte Flexibilität bei der Aufzucht. Eine verhaltensökologische Studie in Andalusien untersuchte die Blutwerte flüggewerdender Jungvögel, um deren Ernährungszustand zu analysieren. Die Forscher stellten fest, dass niedrige Harnstoffwerte im Blutplasma direkt mit einer verlängerten Abhängigkeitsphase im Elternrevier korrelieren. Das bedeutet: Jungvögel, die von ihren Eltern hervorragend mit Nahrung versorgt werden, zögern den Absprung ganz bewusst hinaus und bleiben deutlich länger im elterlichen Revier, um sich füttern zu lassen. Schlechter ernährte Jungadler hingegen werden von ihren Eltern früher in die Selbstständigkeit gedrängt.
Quelle für diesen Abschnitt: Melguizo-Ruiz, N. et al. [5]
Ein unvergessliches Erlebnis
Ich war seither mehrmals hoffnungsvoll in der Region unterwegs, ich konnte das edle Tier aber leider nicht erneut aufspüren. Das bestätigt leider die Vermutung, dass es sich nur um einen „Durchzügler“ auf dem Weg nach Norden gehandelt hat.
Leider hat der Adler sehr hoch oben seine Kreise gezogen. Die Qualität der Bilder ist entsprechend bescheiden. Ich freue mich trotzdem riesig, überhaupt das Glück dieser sensationellen Sichtung gehabt zu haben.

Am Rückweg hatte ich noch eine tolle Begegnung mit einer Rohrweihe, die sich vor der Wiener Skyline in Szene setzte. Ich bin fasziniert von diesem edlen Greifvogel und freue mich, bereits einige Brutpaare in der Umgebung des Regionalparks DreiAnger entdeckt zu haben. Ich glaube, auch den Schwarzmilan kurz gesehen zu haben, der war aber wie immer sehr weit weg und auch gleich wieder verschwunden, als er mich bemerkt hat. Es gibt also auch diesmal kein Foto von ihm. Jedenfalls bleibt die Gewissheit, dass unsere Region immer für eine Überraschung gut ist!

Quellenverzeichnis
- [1] Schweizerische Vogelwarte Sempach: Artenportrait: Zwergadler (Hieraaetus pennatus): https://www.vogelwarte.ch/de/voegel-der-schweiz/zwergadler/
- [2] avi-fauna.info (A. Trepte): Zwergadler – Steckbrief, Verbreitung, Bilder: https://www.avi-fauna.info/greifvoegel/zwergadler/
- [3] Martínez, J. E. & López-González, P. J. (2005): Cooperative nesting by a trio of Booted Eagles (Hieraaetus pennatus). In: Journal of Raptor Research, Vol. 39: https://digitalcommons.usf.edu/jrr/vol39/iss1/14/
- [4] García Dios, I. S. (2000): Siblicide and Cannibalism in the Booted Eagle (Hieraaetus pennatus) in the Tiétar Valley, Central Spain. In: Journal of Raptor Research, Vol. 37: https://digitalcommons.usf.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=2575&context=jrr
- [5] Melguizo-Ruiz, N. et al. (2025): Regulation of the Dependence Period in Booted Eagles: Effects of Nutritional Conditions. In: Birds, Vol. 6, Untersuchung der Blutplasmaspiegel (Harnstoff/Urea) bei Nestlingen in Andalusien, Spanien: https://www.mdpi.com/2673-6004/7/1/12



wie immer sehr interessant mit tollen Photos