Tierportrait: Der Bienenfresser – Wiens buntester Überflieger im Detail

Wer im Frühling und Sommer durch den Norbert-Scheed-Wald, den Marchfeldkanal oder die Weinberge am Wiener Stadtrand streift, rechnet vielleicht mit vielem – aber nicht unbedingt mit einem so unverkennbar tropischen Botschafter. Wenn plötzlich ein unverwechselbares, rollendes „prü-prü“ oder „pürr-pürr“ durch die Luft hallt, dann lohnt sich der Blick nach oben. Mit ihrem schillernden Gefieder gehören sie zu den spektakulärsten Erscheinungen unserer heimischen Vogelwelt.

Viele Bienenfresser sitzen verteilt auf den feinen Zweigen eines großen Baumes in Wien.
Leben in der Großfamilie: Eine vitale Kolonie am Wiener Stadtrand nutzt gemeinschaftliche Strukturen zur Feindabwehr. © Alexander Längauer

Doch hinter der bunten Fassade des Merops apiaster steckt ein sehr sozialer, faszinierender Überlebenskünstler, dessen Sozial- und Jagdverhalten in der europäischen Vogelwelt seinesgleichen sucht. Da ich mich mit einigen Studien zum Verhalten der Vögel beschäftige habe, möchte ich meine Erkenntnisse, Informationen und Quellen mit euch teilen. Damit es nicht zu trocken wird, werde ich viele tolle Fotos einbauen. Blicken wir also gemeinsam hinter das Geheimnis dieses einzigartigen Sommergasts.

Ein farbenprächtiger Europäischer Bienenfresser sitzt allein auf der Spitze eines dünnen Astes vor blauem Himmel in Wien.
Ein schillernder Solist: Hoch oben auf den feinsten Zweigen positionieren sich die Vögel, um die Thermik und vorbeiziehende Fluginsekten perfekt abzupassen. © Alexander Längauer

1. Systematik & Evolution: Ein Tropen-Pionier in Europa

Wenn man die evolutionären Wurzeln des Bienenfressers untersucht, wird schnell klar, warum er so exotisch wirkt: Er ist ein echter Pionier. Die Familie der Bienenfresser (Meropidae) gehört zur Ordnung der Rackenvögel (Coraciiformes). Seine einzigen nahen Verwandten bei uns in Mitteleuropa sind der Eisvogel und die seltene Blauracke. Alle drei teilen eine evolutionäre Vorliebe: Sie sind strikte Höhlenbrüter und besitzen ein durch komplexe Federstrukturen schillerndes Gefieder.

Weltweit gibt es knapp 30 Bienenfresser-Arten, doch fast alle sind in den afrikanischen und asiatischen Tropen beheimatet. Unser Europäischer Bienenfresser (Merops apiaster) ist der einzige, der den Sprung nach Norden gewagt hat, um die enorme Menge an Insekten des europäischen Sommers für seine Brut zu nutzen – ein evolutionärer Weg, den C. H. Fry in seiner Monographie über die Familie detailliert beschreibt.

Eine Gruppe von vier Bienenfressern sitzt verteilt auf zwei vertikalen Ästen vor blauem Himmel.
Geselliges Beisammensein: Während der Brutzeit herrscht auf den umliegenden Ästen der Kolonie reger Betrieb. © Alexander Längauer

2. Die transsaharische Fernreise & das Signal des Klimawandels

Als Langstreckenzieher verbringen Bienenfresser den Großteil des Jahres in den Savannen Ost- und Südafrikas. Unsere Wiener Brutvögel nutzen die Südost-Route über den Balkan, den Bosporus und den Nahen Osten. Sie fliegen tagsüber in lockeren Schwärmen und jagen – im Gegensatz zu den meisten anderen Zugvögeln – direkt während des Fluges, um ihre Energiereserven kontinuierlich aufzufüllen.

Dass sich in unserer Natur etwas fundamental verändert, zeigt die Auswertung historischer Daten. Ein Blick in die Studie zur Erstankunft des Bienenfressers belegt, dass die Vögel im Frühling in ihren europäischen Brutgebieten statistisch gesehen immer früher eintreffen. Diese kontinuierliche Verfrühung der Erstankunft gilt in der Wissenschaft als messbares Indiz für die direkte Korrelation mit dem globalen Klimawandel.

Zwei Bienenfresser sitzen auf dünnen Ästen vor strahlend blauem Himmel in Wien, wobei einer die Flügel leicht anhebt.
Bereit zum Abflug: Gefiederpflege und feine Streckbewegungen gehören vor dem nächsten Jagdflug zum Standardprogramm auf dem Ansitz. © Alexander Längauer

Diese klimatische Verschiebung spiegelt sich auch in der langfristigen Populationsdynamik wider. Wie die Deutsche Vogelwarte (2021) in ihrem ausführlichen Bericht dokumentiert, dürfte die zunehmende Ausbreitung und der Vorstoß des Bienenfressers nach Zentraleuropa zwar historisch bis ins 17. Jahrhundert zurückreichen – doch seit den 1990er-Anfangsjahren schreibt die Art in Europa fast jährlich neue Rekorde bei den Brutpaarzahlen. Auch hier schlagen Biologen die Brücke zu den steigenden Durchschnittstemperaturen.

Zwei Europäische Bienenfresser sitzen verteilt auf den Zweigen eines abgestorbenen Baumes in Wien.
Freie Sicht nach allen Seiten: Totholz-Strukturen bieten den Vögeln die ideale Ausgangsbasis für erfolgreiche Insektenflüge. © Alexander Längauer

3. Bruthabitate: Vom Flussufer in die Kiesgrube (Eine zweite Chance)

Die Wahl des richtigen Zuhauses ist für den Bienenfresser eine logistische Meisterleistung. Die Vögel bauen nämlich keine Nester aus Zweigen, sondern sind „Bergbauvögel“: Gemeinsam graben die Partner eine 1 bis 2 Meter tiefe, leicht ansteigende Brutröhre in steile Wände und befördern dabei bis zu 12 Kilogramm Sediment ins Freie.

Historisch gesehen waren sie dabei auf natürliche Flussprallhänge, Uferböschungen und freistehende Lösswände angewiesen, die durch die Dynamik von Hochwassern immer wieder frisch und vegetationsfrei gehalten wurden. Durch die flächendeckenden Flussregulierungen in Europa haben die Vögel diese ursprünglichen Habitate fast vollständig verloren.

Die Studie der Deutschen Vogelwarte (2021) zeigt ein faszinierendes Phänomen der Anpassung: Durch vom Menschen bewirtschaftete Sand- und Kiesgruben sowie Abbruchkanten in Weinbergen haben die Bienenfresser eine zweite Chance bekommen, die sie heute intensiv nutzen. Am Wiener Stadtrand – wie im Norbert-Scheed-Wald oder am Marchfeldkanal – weichen sie erfolgreich auf solche anthropogenen (menschengemachten) Löss- und Sandstrukturen aus.

Ein Foto einer Löss-Abbruchkante mit zahlreichen Brutröhren-Eingängen. Ein einzelner Bienenfresser sitzt auf der Oberkante.
Löss-Steilwände am Wiener Stadtrand sind unersetzliche Lebensräume. Hier graben Bienenfresser ihre tiefen Brutröhren. © Alexander Längauer

4. Jagdstrategie & der biochemische Entgiftungs-Trick

Bienenfresser sind spezialisierte Luftjäger. Von exponierten Ansitzen (bevorzugt Totholz) starten sie ihre rasanten Jagdflüge. Ihre Hauptnahrung besteht zu 70 bis 90 % aus wehrhaften Stechimmen: Honigbienen, Wespen, Hummeln und Hornissen.

Ein Bienenfresser mit einer gefangenen Biene im Schnabel auf einem Ast am Wiener Stadtrand.
Erfolgreicher Beutezug: Bevor das Insekt gefressen wird, greift der angeborene Entgiftungs-Reflex. © Alexander Längauer

Dass sie dabei nicht von innen heraus gestochen werden, verdanken sie einem Trick: Hat der Vogel ein Fluginsekt erbeutet, kehrt er zu seinem Ast zurück. Er packt die Beute am vorderen Ende und schlägt den Hinterleib des Insekts wiederholt und gezielt gegen das Holz. Durch diesen mechanischen Reiz wird der Stachelapparat reflexartig entleert und das Gift herausgepresst. Erst nach dieser „Entschärfung“ wird die Mahlzeit verschluckt. Unverdauliche Chitinpanzer werden später als Gewölle ausgespien.

Ein Bienenfresser schlägt eine Biene gegen einen Ast zur Entgiftung im Raum Wien.
Der biochemische Trick: Durch das gezielte Schlagen gegen das Holz wird der Stachel der Beute vor dem Verzehr entschärft. © Alexander Längauer

5. Das „Bruthelfer-Phänomen“: Ein kooperatives Familienunternehmen

Das soziale Verhalten in der Kolonie hebt den Bienenfresser von anderen Vögeln ab. Die Brutzeit beginnt mit Balzgeschenken: Das Männchen übergibt dem Weibchen gefangene Insekten. Diese zusätzlichen Proteine braucht das Weibchen dringend für die Eiproduktion.

Ein rufender Bienenfresser mit geöffnetem Schnabel neben einem zweiten Vogel auf einem Ast in Wien.
Unverkennbare Laute: Mit ihren charakteristischen Rufen halten die Koloniebewohner ständigen Kontakt untereinander. © Alexander Längauer

Wirklich spektakulär ist jedoch das kooperative Brutsystem, das unter anderem von Lessells et al. (1994) intensiv erforscht wurde. Oft erhält ein Brutpaar Unterstützung von sogenannten Bruthelfern(helpers at the nest). Das sind meist jüngere, verwandte Männchen aus dem Vorjahr, die in der aktuellen Saison keine eigene Brutröhre oder keinen Partner ergattern konnten.

Zwei Bienenfresser sitzen sehr nah beieinander auf einem Ast vor blauem Himmel in Wien.
Enger Familienverband: Die soziale Bindung innerhalb der Brutpaare ist bei dieser Art besonders stark ausgeprägt. © Alexander Längauer

Evolutionsbiologisch investieren sie ihre Energie in das Nest ihrer Eltern oder Geschwister, um den Erfolg der eigenen Familiengene zu sichern (Verwandtenselektion). Diese Helfer arbeiten hart: Sie graben am Tunnel mit, fliegen unermüdlich Futtereinsätze und sitzen als Wachposten auf den Totholz-Ansitzen, um die Kolonie vor Greifvögeln zu warnen. Nester mit Helfern ziehen nachweislich mehr Jungvögel erfolgreich auf.

Mehrere Bienenfresser sitzen gemeinsam auf den Ästen eines Baumes in Wien.
Das kooperative Familienunternehmen: In den Kolonien am Wiener Stadtrand unterstützen clevere Bruthelfer die Aufzucht der Jungen. Das kooperative Familienunternehmen: In den Kolonien am Wiener Stadtrand unterstützen clevere Bruthelfer die Aufzucht der Jungen. © Alexander Längauer

6. Männchen oder Weibchen? Der Blick durchs Teleobjektiv

Aus der Ferne sind die Geschlechter schwer zu unterscheiden. Auf Fotos kann der subtilen Geschlechtsdimorphismus (Unterscheidung auf basis von Merkmalen und Verhalten) besser unterschieden werden.

  • Das Männchen (): Zeigt ein tiefes, sattes Kastanienbraun auf dem Rückengefieder, das oft homogen bis zum Bürzel verläuft. Seine mittleren Schwanzfedern (die Spieße) sind meist deutlich länger und spitzer.
  •  Das Weibchen (♀): Der braune Rücken ist matter und oft mit grünlichen oder bläulichen Federn durchsetzt. Die Flügeldecken weisen mehr grün-orangefarbene Nuancen auf, und die Schwanzspieße sind durch den Höhlenbau oft kürzer oder sichtlich abgenutzt.

7. Für Beobachter und Fotografen: Wann schlägt die beste Stunde?

Die beiden Studien Untersuchung zur Habitatwahl und Aktivität von Dieter Thomas Tietze (2014) sowie flankierende ethologische Studien zur täglichen Aktivität an Bienenfresser-Nestern (Ethology Ecology & Evolution) haben das Aktivitätsverhalten genau untersucht.

Das tägliche Aktivitätsfenster

Während der Grabe- und Brutphase (Mai bis Juni) bewegen sich die Altvögel recht wenig und konzentrieren ihre Aktivität auf die milderen Vormittagsstunden. Sobald jedoch die Kükenaufzucht beginnt (meist ab Ende Juni bis Mitte Juli), erhöht sich die Fütterungsaktivität.

Die Studien zeigen, dass die Anflüge an die Nester und die Flugaktivität stark an die Lufttemperatur gekoppelt sind, da erst ab einer gewissen Wärme genügend Großinsekten in der Luft sind. Die absolute Peak-Zeit für spektakuläre Action- und Flugaufnahmen liegt daher entgegen der klassischen Fotografen-Regel („Morgensonne nutzen“) am späten Vormittag, um die Mittagszeit und im frühen Nachmittag. Hier ist die Fütterungsfrequenz am höchsten und die Vögel fliegen die Ansitze im Minutentakt an.

Ein Europäischer Bienenfresser im eleganten Segelflug vor strahlend blauem Himmel im Raum Wien.
Eleganz in der Luft: Das aerodynamische Flugbild macht den Bienenfresser zu einem der geschicktesten Fluginsektenjäger. © Alexander Längauer

Das Verhalten der Jungvögel (Mitte bis Ende Juli)

Die Jungvögel sind Nesthocker und bleiben etwa 20 bis 25 Tage tief in der schützenden Erdröhre. Wenn sie flügge werden (oft Mitte bis Ende Juli), kann man ein spannendes Verhalten beobachten: Die Altvögel beginnen, die Jungen gezielt aus der Brutröhre zu locken. Sie fliegen mit Beute im Schnabel die Wand an, übergeben das Insekt aber nicht sofort, sondern flattern vor dem Eingang, um die hungrigen Jungvögel zu animieren sich ins Freie zu bewegen.

Sobald die Jungvögel die Höhle verlassen haben, kehren sie nicht mehr dorthin zurück. Sie sitzen dann oft in kleinen, herzig anzusehenden Gruppen gemeinsam auf den Ästen rund um die Kolonie und warten lautstark bettelnd auf die Altvögel. Das ist die beste Jahreszeit, um berührende Interaktionen und Fütterungsszenen zu beobachten. 

Nahaufnahme eines Bienenfressers im direkten Frontalflug mit weit ausgebreiteten Flügeln vor hellblauem Himmel.
Im Visier: Ein Bienenfresser im spektakulären Frontalanflug über den Jagdgründen des Norbert-Scheed-Waldes. © Alexander Längauer

Der großräumige Habitatwechsel

Auch hier liefert uns die Forschung von Tietze (2014) wertvolle Hinweise: Bienenfresser sind bei der Habitatwahl sehr dynamisch. Vor und während der Brutzeit sind sie strikt an die unmittelbare Umgebung ihrer Lösswände gebunden.

Nachdem die Jungvögel flügge sind (Ab Ende Juli / Anfang August), ändert sich das Verhalten: Die Kolonie löst sich auf und die Familienverbände wechseln in weitläufige, offene Kulturlandschaften, Brachflächen oder Jagdreviere mit hohem Gebüsch- und Baumanteil (oft kilometerweit von den Brutwänden entfernt), um sich für den anstehenden Herbstzug Fettreserven anzufressen. Wer sie im August sucht, findet sie also eher auf exponierten Weidezäunen oder Stromleitungen in offenen Landschaften als an den Brutwänden.

Ein Bienenfresser im rasanten Jagdflug mit einem gefangenen Insekt im Schnabel über Wien.
Spektakuläre Flugakrobatik: Ein Bienenfresser kehrt mit Beute aus dem Jagdflug zurück. © Alexander Längauer

8. Bestand und Gefährdung im urbanen Raum Wien

BirdLife Österreich schätzt den aktuellen Gesamtbestand in Österreich auf ca. 1.200 bis 1.800 Brutpaare. Am nordöstlichen Stadtrand brüten je nach jährlicher Wandbeschaffenheit 30 bis 50 Paare – ein lokaler Erfolg, der auch durch die regelmäßigen Erhebungen des Naturhistorischen Museums Wien (NHM) gestützt wird.

Trotz des positiven Trends durch die Klimaerwärmung bleibt die Art hochgradig vulnerabel. Das sich verändernde Klima bringt nämlich eine gefährliche Paradoxie mit sich: Die Zunahme von extremen Sommer-Starkregenereignissen führt im Wiener Raum immer öfter zum plötzlichen Einsturz der Lösswände, was ganze Jahresbruten unter sich begraben kann. Die größte langfristige Gefahr bleibt jedoch der schleichende Verlust von Großinsekten durch intensiven Pestizideinsatz sowie Störungen an den Brutwänden während der sensiblen Eiablage im Mai.

Ein Bienenfresser-Paar sitzt auf einem kahlen Ast vor blauem Himmel in Wien.
Wachsame Blicke in der Kolonie: Bienenfresser nutzen exponierte Totholz-Ansitze, um die Umgebung im Auge zu behalten. © Alexander Längauer

Sollte ich euch jetzt Lust gemacht haben die Schuhe anzuziehen, um euch auf den Weg in den hohen Norden Wiens zu machen, dann freut mich das sehr! Ein wichtiger Punkt liegt mir allerdings noch am Herzen: Bienenfresser sind vor allem in der Brutzeit zwischen Mai und Juli sehr empfindlich auf Störungen in der Nähe ihrer Bruthöhlen. Bitte nähert euch keinesfalls den Bruthöhlen, haltet ausreichend Abstand und verzichtet auf Lärm im direkten Umfeld der Kolonie. 

Zwei schillernde Bienenfresser sitzen auf den Ästen eines kahlen Baumes am Wiener Stadtrand.
Geduldiges Warten: Oft verharren die Vögel minutenlang regungslos auf ihren Plätzen, bis eine Biene oder Libelle vorbeifliegt © Alexander Längauer.

Weiterführende Informationen & Wissenschaftliche Quellen & Liteaturverzeichnis:Links

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2 Kommentare

    • Vielen Dank für das Lob! Ich versuche neben den bestmöglichen Fotos vor allem weniger bekannte, spannende Fakten und Informationen aus wissenschaftlichen Quellen zu recherchieren.

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