Tierportrait: Der Graureiher /Ardea cinerea)

Der Graureiher (Ardea cinerea) zählt zu den polarisierendsten wilden Bewohnern unseres Landes. Er wird teilweise auch Fischreiher bzw. von manchen sogar Fischdieb genannt. Vor allem Fischer fürchten ihn, frisst er ihnen doch vermeintlich ganz unverschämt ihre Fische weg.

Ein Graureiher sitzt erhaben auf den obersten Zweigen einer dicht beblätterten Baumkrone vor blauem Himmel.
Erhöhte Ausgucke auf Baumspitzen bieten Reihern eine gute Übersicht über ihr Revier. © Alexander Längauer

Wie es wirklich um dieses Gerücht steht, werde ich mit euch gemeinsam in diesem Artikel beleuchten.

In Mitteleuropa fühlt sich der Graureiher heute besonders wohl. Er ist der am stärksten vertretene Reiher bei uns. Die Zahl der Brutpaare in Österreich wird auf 1.150 bis 1.250 geschätzt. Mit knapp über 2 kg Körpergewicht, bis zu 2 m Flügelspannweite und einer Körperlänge von bis zu 1 m erreicht der Graureiher eine beeindruckende Größe. Die typischen Erkennungsmerkmale sind die großteils blaugraue Gefiederfarbe und die schwarzen Augenstreifen, die hinter dem Kopf in einen Federbusch aus drei langen Schopffedern übergehen.

Hochformataufnahme eines Graureihers, der aufgerichtet auf Ästen steht und mit langem Federschopf nach links blickt.
Im erhabenen Ansitz präsentiert der Graureiher seinen markanten Federschopf. © Alexander Längauer

Quellen für dieses Kapitel: BirdLife Österreich [1]

Der „allesfressende“ Fischreiher

In der Vergangenheit wurde der Graureiher als großer Schädling für die Fischwirtschaft gesehen. Ein Grund, der dazu beigetragen hat, war die Meinung, dass sich der Graureiher ausschließlich von Fisch ernährt. Dabei ernährt er sich von unterschiedlichsten Tieren. Kleinsäuger, Amphibien, Krebstiere, Muscheln, größere Insekten (wie Libellen oder Wasserkäfer) und Fische stehen auf seinem Speiseplan. Untersuchungen zeigten, dass sich die Tiere teilweise sogar ausschließlich von kleinen Säugetieren ernähren. Auch das Gerücht, dass der Reiher „kiloweise“ Fisch pro Tag frisst, stimmt nicht. In Wirklichkeit begnügt er sich mit 300 – 500 g Nahrung pro Tag.

Ein Graureiher fliegt von rechts nach links vor grünem Baumhintergrund und trägt ein Nagetier als Beute im Schnabel.
Erfolgreiche Jagd: Der Graureiher transportiert seine Beute im Flug. © Alexander Längauer

Der Graureiher ist ausgesprochen anpassungsfähig und bei seiner Nahrung nicht wählerisch. Es ist ein Irrtum, dass er an Gewässer gebunden ist. Er jagt dort, wo er möglichst schnell Beute machen kann, beispielsweise auf Wiesen, Äckern oder Feldern. Im Marchfeld kann sehr gut beobachtet werden, wie die Reiher sich auf frisch geerntete oder gepflügte Felder stürzen, weil sie durch das Wegfallen der Deckung sehr effizient Mäuse jagen können.

Ein Graureiher steht aufmerksam in einem niedrigen grünen Nutzpflanzenfeld vor weichem, gelbgrünem Hintergrund.
Wiesen und Äcker sind für Graureiher ergiebige Jagdgründe für Kleinsäuger. © Alexander Längauer

Quellen für dieses Kapitel: Stadtwildtiere Österreich [3]

Gesundheitspolizei Graureiher

Der Graureiher erfüllt eine wichtige Rolle im Ökosystem. Er erbeutet normalerweise nur die langsamen und schwachen Tiere und übernimmt dadurch eine wichtige Rolle für die Gesundheit der Tierbestände. Außerdem siedeln sich andere Arten gerne in der Nähe von Graureiher-Brutkolonien an. Dazu zählen beispielsweise Rot- und Schwarzmilan, Seeadler und Nachtreiher. Sie sind Nutznießer der großen Brutkolonien und profitieren vor allem der gemeinsamen Feindabwehr.

Graureiher blickt erhöht auf den obersten Ästen eines Laubbaums aufmerksam in die Kamera.
Erhöhte Ansitze dienen den Reihern oft als sichere Ruhe- und Aussichtsplätze. © Alexander Längauer

Quellen für dieses Kapitel: Nationalpark Donau-Auen [2]

Das eigentliche Problem sind die zahlreichen Eingriffe des Menschen in die natürliche Gewässerordnung

Bei Untersuchungen in der Schweiz stellte sich heraus, dass es in naturnahen Gewässern mit ausreichender Ufervegetation und Versteckmöglichkeiten für Fische nachweislich zu keiner Reduktion der Fischbestände kommt. Problematisch sind stark regulierte Flüsse oder jegliche Art von nicht fischgerecht gestalteten Fischzuchtanlagen. Natürliche Fließgewässer zeichnen sich durch zahlreiche mögliche Verstecke wie Ufervegetation, Wurzeln, Äste, Steine oder unterspülte Ufer aus.

Graureiher hebt mit weit geöffneten Flügeln aus dem Wasser ab, das Wasser spritzt durch die Bewegung davon
Mit kräftigem Flügelschlag hebt sich der Graureiher von der Wasseroberfläche. © Alexander Längauer

Quellen für dieses Kapitel: ZOBODAT / Beiträge zur Naturkunde Egge-Weser [5]

Die Brut- und Schlafkolonien

Graureiher sind Koloniebrüter, sie versammeln sich in Gruppen von bis zu 200 Brutpaaren. Normalerweise sind es heute aber eher 20 – 50 Brutpaare je Kolonie. Einer der Vorteile dieses Zusammenschlusses ist der bessere Schutz der Jungtiere vor Fressfeinden. Der Abstand zwischen Brut- und Schlafhabitat und dem Jagdgebiet kann bis zu 15 km betragen.

Graureiher fliegt steil nach oben geneigt vor einem leicht bewölkten, blauen Himmel mit steil aufgestelltem Flügel.
Ein Graureiher fliegt majestätisch gegen den offenen Himmel. © Alexander Längauer

Quellen für dieses Kapitel: Nationalpark Donau-Auen [2]

Der Graureiher als Landschaftsarchitekt

Da Graureiher in großen Kolonien brüten, fallen an den Schlaf- und Brutkolonien große Mengen an Exkrementen an. Im Laufe der Zeit sterben die Bäume, auf denen sich die Horste der Vögel befinden. Dadurch entstehen Lichtungen in den Wäldern, auf deren Boden durch die Düngung eine besonders üppige Vegetation wächst. Die neu gewonnenen Lichtungen bieten reiche Nahrung für Wildtiere, Insekten und im Boden lebende Tiere.

Ein Graureiher steht auf einem schrägen Baumstamm und blickt mit gesenktem Kopf aufmerksam nach unten.
Aus erhöhter Position behält der Graureiher den Bereich direkt unter seinem Ansitz scharf im Auge. © Alexander Längauer

Quellen für dieses Kapitel: BESG / Bird Ecology Study Group [8]

Partnerschaft auf Zeit

Graureiher sind „saisonal monogam“, wie es bei Vögeln oft der Fall ist. Das bedeutet, dass die Partnerschaft der Tiere für die Brutpflege, also die Aufzucht der Jungtiere, andauert. Die Bindung löst sich in den meisten Fällen auf, sobald die Jungtiere flügge geworden sind.

Graureiher steht aufgerichtet mit lang gestrecktem Hals auf einem im Wasser treibenden Holzstamm vor grünem Gebüsch.
Ein aus dem Wasser ragender Baumstamm dient dem Graureiher als idealer Beobachtungsposten. © Alexander Längauer

Ein besonders spannendes und interessantes Detail gibt es bei der Balz zu beobachten. Durch einen hormonellen Schub verfärben sich der sonst eher blasse Schnabel, die Beine sowie die unbefiederte Haut zwischen Auge und Schnabel für kurze Zeit leuchtend orange bis rot. Diese intensive Färbung hält oft nur wenige Tage bis Wochen während der Balz an. Sie dient als biologisches Signal für Vitalität bei der Partnerwahl und unterstreicht die Imponiergesten gegenüber Konkurrenten am Nistplatz, bevor die Farbe nach der Eiablage wieder verblasst.

Ein Graureiher im Überflug mit weit aufgefächerten Flügeln und nach hinten gestreckten Beinen vor klarem blauem Himmel.
Mit kraftvollem Flügelschlag gewinnt der Graureiher rasch an Höhe. © Alexander Längauer

Quellen für dieses Kapitel: Wikipedia [4], Frank’s Field Notes / Harvesting Herons [9]

Historische Betrachtung der Beziehung zwischen Mensch und Reiher

Von der Steinzeit ins Mittelalter – Eine sehr geschätztes Jagdtier

Archäologische Funde belegen, dass Graureiher schon in der Steinzeit gejagt und verzehrt wurden. Ungefähr im 5. Jahrhundert nach Christus gelangte die Beizjagd aus Asien nach Europa. Bei der Beizjagd wurden Greifvögel zur Jagd auf andere Vögel ausgebildet. Durch die Beizjagd hat sich eine Jagdkultur entwickelt, die vor allem im Adel und Hochadel betrieben wurde. Kaiser Friedrich II. (1194 – 1250) galt als erster Ornithologe der Geschichte. Er war auch ein begnadeter Meister der Beizjagd. Zu dieser Zeit war der Reiher ein hochangesehenes Tier zur Jagd. Es gab sogar eigene Reiherwärter, deren Aufgabe es war, die Reiherbestände zu schützen. Auch wenn das Motiv ausschließlich dem Nutzen des Adels zum sicheren Erhalt als Jagdtiere diente, war das Ziel die Sicherung des Fortbestandes. Es könnte also als eine unbewusste Maßnahme zum Artenschutz gesehen werden.

Ein Graureiher steht aufmerksam in der Spitze einer dicht beblätterten, grünen Baumkrone gegen einen hellen Himmel.
Aus der Höhe der Baumkronen behält der Graureiher sein Revier stets im Blick. © Alexander Längauer

Das 18. Jahrhundert – die Massenvernichtung

Mit der Entwicklung der Schusswaffen in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts verlor der Reiher seinen Status als geschätzter Jagdvogel. Es begann ein verheerender Vernichtungskampf mit staatlich geförderten Abschussprämien und einer Verpflichtung für Jäger, jedem Graureiher nachzustellen und ihn zu erschießen. Zum Fischereischädling erklärt und zum Abschuss freigegeben, entstand eine regelrechte Hetzjagd gegen das Tier, die dazu führte, dass er in Mitteleuropa beinahe als ausgerottet galt. Erst als der Graureiher 1974 in Deutschland als potenziell gefährdet in die Rote Liste aufgenommen wurde, begann ein Umdenken. 1977 wurde die Jagd untersagt und die Bestände begannen sich zu erholen.

Graureiher knapp über dem Wasser in flacher Flugposition mit leicht nach oben gewinkelten Flügelspitzen.
Der Graureiher fliegt in flacher, dynamischer Flughaltung entlang des Ufers. © Alexander Längauer

Der Problemvogel

Durch die Umwandlung von Biotopen, die weiterhin voranschreitet, werden die Nahrungshabitate von Großvögeln sukzessive weiter zerstört. Das führt zu einem starken Konkurrenzkampf. Alle dort nahrungssuchenden Tiere werden gezwungen, auf andere Orte auszuweichen. Wenn der Graureiher dann auf Fischteiche ausweicht, in denen die Fischbestände unnatürlich hoch sind und sich die Tiere nicht verstecken können, hinterlässt der Graureiher einen wirtschaftlichen Schaden.

Ein Graureiher stolziert im Profil mit geöffnetem Schnabel und herabhängender Zunge durch seichtes, grünes Wasser.
Langsam und bedacht durchstreift der Graureiher flache Uferzonen nach Nahrung. © Alexander Längauer

Quellen für dieses Kapitel: ZOBODAT / Natur und Land [6]

Der Mensch, der eigentliche Fischdieb

Fassen wir also zusammen, wir Menschen haben:

  • … den Graureiher in den 70ern fast ausgerottet
  • … den Fischen durch Flussregulierung die Schutzräume genommen
  • … den Großteil der Auenwälder zerstört
  • … den Großteil der Sümpfe trockengelegt
  • … Seen, Flüsse und Meere durch industriellen Fischfang beinahe leergefischt

Wir sind außerdem für die Klimaveränderung verantwortlich, die für die gesamte heimische Flora und Fauna eine Bedrohung darstellt.

Graureiher fliegt tief über ein abgeerntetes Feld im Marchfeld, im unscharfen Hintergrund stehen zahlreiche Windräder.
Ein Graureiher durchquert die von Windrädern geprägte Kulturlandschaft im Marchfeld. © Alexander Längauer

Wir haben bereits so tief in die Umwelt eingegriffen, dass vieles in der Natur bereits völlig aus dem Gleichgewicht geraten ist. Die Konsequenzen unseres Handelns waren uns in der Vergangenheit letztendlich vielleicht oft nicht bewusst, dennoch haben wir tiefe Spuren hinterlassen und müssen heute immer wieder mit den tragischen Konsequenzen kämpfen.

Ein Graureiher steht isoliert in den grünen Saatreihen eines weitläufigen Ackerbodens.
Auf frisch bestellten Feldern nutzen Reiher das Fehlen von Deckung zur effizienten Mäusejagd. © Alexander Längauer

Ich bin sehr froh, dass wir es geschafft haben, den Graureiher zu retten, und ich hoffe, dass wir denselben Fehler nicht zweimal machen. Sobald ein wirtschaftlicher Schaden entsteht, werden sofort die Rufe nach Abschüssen laut. Dabei braucht es vielerorts keine Abschüsse, wenn wir unsere massiven Eingriffe in die Natur ein Stück weit wieder zurückbauen würden. 

Ein sehr gutes Beispiel ist das LIFE+ Projekt „Untere March-Auen“. Ich kann allen nur empfehlen, Marchegg zu besuchen und dort durch die riesigen Auenlandschaften zu spazieren. Doch das ist ein anderes Thema für einen zukünftigen Blog-Artikel.

Quellen für dieses Kapitel: LIFE+ Projekt Untere March-Auen [7]

Quellenverzeichnis

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