Der Pirol (Oriolus oriolus) wirkt durch sein auffälliges Gefieder wie ein tropischer Vogel. Seine engsten Verwandten (wie der Schwarznackenpirol) leben auch in den Tropen. Er ist der einzige Vertreter der Gattung der Pirole (Oriolidae), der auch als Zugvogel in Europa heimisch ist.

Der Pirol besiedelt gerne lichte Auwälder und Laubmischwälder aber auch Parkanlagen und Alleen. Mit einer Körperlänge von etwa 24 Zentimetern ist er ähnlich groß wie eine Amsel, weswegen er in der Vergangenheit den Volksnamen „Goldamsel“ bekam. Er ist außerdem unter dem Namen „Pfingstvogel“ bekannt, einen Namen den er wegen seiner späten Rückkehr aus den afrikanischen Überwinterungsgebieten (Anfang bis Mitte Mai) bekam.

Quellen zu diesem Abschnitt: BirdLife Schweiz [1], Nationalpark Donau-Auen [2], Featherbase [4]
Der Pirol im Norden Wiens
Als ich das erste Mal einen Pirol singen hörte, war ich sofort verzaubert. Lange Zeit blieben dieser charakteristische Gesang und sein gelegentlicher, krächzender Ruf allerdings alles, womit ich mich zufriedengeben musste. Ich freute mich schon, wenn ich von Zeit zu Zeit einen gelben Blitz von Baumwipfel zu Baumwipfel zischen sehen konnte, an ein Foto war lange Zeit nicht zu denken.

Bis zu diesem Frühjahr hatte ich kein einziges brauchbares Foto dieser Art. Umso größer war die Freude, als mir Anfang Mai das erste Männchen direkt vor die Linse flog. Es war der 9. Mai – vermutlich einer der ersten Tage nach seiner Ankunft aus dem Süden. Am Wochenende zuvor war von Pirolen noch nichts zu hören gewesen. Da ich dieselbe Tour ging, bin ich mir sicher, dass ich ihn nicht überhört haben konnte: Er war ausgesprochen aufgeregt, hüpfte hektisch von Ast zu Ast und rief und sang ununterbrochen. In seiner Aufregung hat er mich anfangs überhaupt nicht bemerkt, das habe ich zum ersten mal erlebt.

Über den Sommer hinweg konnte ich schließlich einige feste Orte im DreiAnger Regionalpark und im Norbert-Scheed-Wald ausfindig machen, an denen die Pirole regelmäßig aktiv sind. Da sie bis nach ihrer Balz nicht zu überhören sind konnte ich ihre bevorzugten Aufenthaltsorte gut eingrenzen. Mit viel Geduld gelangen mir so über das Frühjahr und den Sommer hinweg einige gute Aufnahmen.

Ein Spezialist der Tarnung
Trotz seiner leuchtenden Färbung ist der Pirol im Feld sehr schwer auszumachen, da er sich bevorzugt in den schattigen, obersten Etagen des Kronendachs aufhält. Die Art zeigt einen ausgeprägten Geschlechtsdimorphismus: Während das adulte Männchen mit seinem leuchtend gelben Rumpfgefieder, den schwarzen Flügeln und einem leicht rosa getönten Schnabel unverkennbar ist, tragen jüngere Weibchen und Jungvögel ein unauffälligeres, olivgrünes bis graugelbes Gefieder mit feiner Bruststrichelung.

Quellen zu diesem Abschnitt: BirdLife Schweiz [1], Featherbase [4], Oiseaux-Birds [5]
Die Meisterarchitektin und ihr frei schwebendes Nest
Neben seinem Flötengesang („didlio-liu“) zeichnet sich der Pirol durch eine bemerkenswerte architektonische Leistung aus. Das Nest ist ein frei schwebender, kunstvoll verwobener Korbnapf, den das Weibchen hoch oben in waagerechten Astgabeln verankert. Als Baumaterial dienen Bast, Pflanzengräser und Speichel. Der Speichel fungiert dabei als biologischer Klebstoff. Diese spezielle Verankerung verleiht der Konstruktion eine hohe Elastizität, sodass das Nest selbst starke Stürmen unbeschadet übersteht.

Quellen zu diesem Abschnitt: BirdLife Schweiz [1], Nationalpark Donau-Auen [2], Wildtierhilfe Wien [3]
Der Raupen-Gourmet
Bei der Nahrungswahl zeigt sich der Pirol als spezieller Feinschmecker: Er frisst bevorzugt stark behaarte Raupen (beispielsweise die des Schwammspinners oder des Prozessionsspinners), die für die meisten anderen Vogelarten aufgrund ihrer Brennhaare ungenießbar oder giftig sind. In Mitteleuropa teilt er diese Vorliebe im Wesentlichen nur mit dem Kuckuck. Ähnlich wie der Bienenfresser schlägt oder schüttelt der Pirol die Raupen vor dem Verzehr geschickt gegen Äste, um die störenden Brennhaare wirkungsvoll zu entfernen. Den ganzen Blogbeitrag zum Bienenfresser könnt ihr hier nochmal nachlesen.

Quellen zu diesem Abschnitt: BirdLife Schweiz [1], NABU Naturschutzbund Deutschland [6]
Gefiederwandel der Weibchen im Alter
Ältere Pirol-Weibchen machen im Laufe der Jahre eine faszinierende Veränderung durch. Je älter sie werden, desto mehr wandelt sich ihr Gefieder: Die unauffällige Bruststrichelung nimmt ab, während der Gelbanteil am Rumpf deutlich intensiver wird. In der Feldornithologie ist dokumentiert, dass sehr alte Weibchen im Großgefieder optisch kaum noch von adulten Männchen zu unterscheiden sind. In der Evolutionsbiologie vermutet man hinter dieser Gefiederangleichung oft eine Form der Status-Signalisierung, die erfahreneren Tieren Vorteile bei der Revierbehauptung verschafft.

Quellen zu diesem Abschnitt: Featherbase [4], Oiseaux-Birds [5]
Neue Erkenntnisse zum Gesang der Weibchen von Singvögel
Aktuelle verhaltensbiologische Untersuchungen – wie jene von Yelimlieş et al. (2026) am Galápagos-Goldwaldsänger – werfen auch auf die Interpretation des weiblichen Vogelgesangs ein neues Licht. Entgegen der traditionellen Annahme, Gesang diene fast ausschließlich Männchen zur Revierverteidigung und Brautwerbung, zeigen neuere Studien differenzierte Rollen. Bei vielen Arten reagieren Weibchen zwar physisch aggressiv auf Eindringlinge, nutzen ihren Gesang jedoch nicht primär als akustische Drohung gegen Rivalinnen. Stattdessen tritt der weibliche Gesang häufig im Rahmen von paar-internen Wechselgesängen und Duetten auf. Er dient damit vorrangig der Abstimmung zwischen den Partnern, der Aufrechterhaltung der Paarbindung und der sozialen Koordination im dichten Laubdach – Verhaltensweisen, wie sie auch beim Pirol beobachtet werden.

Quellen zu diesem Abschnitt: Der Standard [7], ScienceDirect / Animal Behaviour [8], xeno-canto [9]
Reise in den Süden: Der Zug über die Alpen
Als obligater Transsahara-Langstreckenzieher verlässt uns der Pirol vergleichsweise früh: Bereits ab Ende Juli oder August bricht er auf direktem Weg in seine afrikanischen Überwinterungsgebiete südlich der Sahara auf. Die Zugroute führt dabei im Breitfrontzug häufig auf direktem Weg über Hochgebirge wie die Alpen.

Quellen zu diesem Abschnitt: BirdLife Schweiz [1], Nationalpark Donau-Auen [2]
Quellenverzeichnis
- [1] BirdLife Schweiz: Steckbrief & Infoblatt Pirol (Oriolus oriolus) https://www.birdlife.ch/de/content/pirol
- [2] Nationalpark Donau-Auen: Artenporträt Pirol (Oriolus oriolus) https://www.donauauen.at/wissen/natur-wissenschaft/fauna/pirol-oriolus-oriolus
- [3] Wildtierhilfe Wien: Der Pirol – scheue Schönheit https://www.wildtierhilfe-wien.at/der-pirol-scheue-schoenheit/
- [4] Featherbase: Bestimmungsdatenbank Oriolus oriolus (Gefiederstadien und Altersbestimmung) https://www.featherbase.info/de/species/Oriolus/oriolus
- [5] Oiseaux-Birds: Eurasian Golden Oriole Profile and Identification https://www.oiseaux-birds.com/card-eurasian-golden-oriole.html
- [6] NABU Naturschutzbund Deutschland: Der Pirol – Vogel des Jahres 1990 (Porträt und Lebensweise) https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/voegel/portraets/pirol/
- [7] Der Standard (2026): Gesänge von Vogelweibchen wurden bisher unterschätzt https://www.derstandard.at/story/3000000313010/gesaenge-von-vogelweibchen-wurden-bisher-unterschaetzt
- [8] ScienceDirect / Animal Behaviour (2026): Yelimlieş et al.: Female song function and territorial responses in songbirds https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0003347226000205
- [9] xeno-canto: Tonaufnahmen und Gesangsdatenbank – Oriolus oriolus https://xeno-canto.org/species/Oriolus-oriolus



