Die Rückkehr der Zugvögel: Farbenpracht im Norbert-Scheed-Wald

Als ich in der zweiten Maiwoche zu einer Tour aufbrach, hatte ich ehrlicherweise keine großen Erwartungen. Aus meiner Sicht hatte ich mein Wildlife-Glück für die nächste Zeit durch die spektakuläre Balz der Rohrweihen ohnehin schon aufgebraucht.

Falls ihr diesen Beitrag versäumt habt, kann ich euch nur empfehlen, ihn hier nachzulesen.

Zwei Rohrweihen im Gegenlicht bei einer spielerischen Interaktion in der Luft; das Männchen mit gespreizten hellgrauen Schwanzfedern.
Das Männchen (links) und Weibchen (rechts) bei einem spielerischen Scheinangriff © Alexander Längauer

Geduld ist eine der wichtigsten Tugenden in der Wildlife-Fotografie. Manchmal passiert einfach nichts, egal wie lange man unterwegs ist und wie sehr man die Augen offen hält. Doch genau das macht den Reiz aus: Wer genau hinsieht, entdeckt auch am Wegesrand noch faszinierende Details – seien es Wildblumen, Insekten oder die streng geschützte Wiener Schnirkelschnecke (Cepaea vindobonensis). Einige der „regionalen Helden“ (wie Falken, Spatzen oder Meisen) findet man meistens irgendwo, und es gibt fast immer Möglichkeiten, sie durch eine besondere Komposition, spezielles Licht, kreative Hintergründe oder einzigartige Posen in Szene zu setzen. Eines ist Wildlife-Fotografie jedenfalls nie: eine hektische Bucket-List-Challenge, bei der man von Ort zu Ort hetzt, um schnell ein Selfie zu machen.

Das gelbe Phantom in den Baumkronen

Umso schöner ist es, wenn die Natur einen dann doch überrascht. Kaum hatte ich das Areal des Norbert-Scheed-Waldes erreicht, hallte bereits das vertraute, flötende Rufen und raue Krächzen der Pirole durch das Geäst. In diesem Moment war mir klar: Auch heute wird ein spannender Tag.

Der Pirol ist ein faszinierendes Paradoxon – ein leuchtend gelber Vogel, den man im dichten Laub fast immer hört, aber so gut wie nie zu Gesicht bekommt. Meistens erhascht man nur einen flüchtigen Blick auf einen gelben Blitz, der viel zu schnell im Dickicht verschwindet, um überhaupt die Kamera zu heben. Dieses Mal stand das Glück jedoch auf meiner Seite. Die Pirole waren mit ihrer Balz beschäftigt und ich konnte für einen kurzen Augenblick unbemerkt bleiben und ein schnelles Foto ergattern.

Ein männlicher Pirol mit leuchtend gelbem Gefieder und schwarzen Flügeln sitzt auf einem dicken, bemoosten Ast. Im Hintergrund sind grüne Blätter in weichem Fokus zu sehen.
Ein seltener Anblick: Der Pirol zeigt sich für einen kurzen Augenblick frei sitzend im Geäst am Marchfeldkanal. © Alexander Längauer

Ansitz am Totholz: Das Neuntöter-Weibchen

Ein schönes Stück weiter entdeckte ich in der Ferne einen kleinen Vogel, der exponiert hoch oben auf einer Astspitze saß. Aus der Distanz konnte ich die Art nicht bestimmen, also schlich ich mich vorsichtig näher und nutzte einen nahegelegenen Busch als Deckung.

Ein Blick durch das Teleobjektiv brachte Gewissheit: Es handelte sich um ein Neuntöter-Weibchen. Nachdem ich das Porträt im Kasten hatte, wartete ich regungslos im Versteck und hoffte darauf, die geschickte Jägerin bei der Insektenjagd im Flug beobachten zu können. Doch der Neuntöter hat mich letztendlich wohl doch entdeckt, und so blieb mir diese Beobachtung mir für heute verwehrt.

Ein weiblicher Neuntöter mit bräunlicher Färbung und angedeuteter Schuppung an der Brust sitzt auf der Spitze eines abgestorbenen, abgebrochenen Astes vor einem wolkenlosen, blauen Himmel.
Ansitz-Jäger: Ein Neuntöter-Weibchen nutzt einen exponierten Ast als Aussichtspunkt für die Insektenjagd. © Alexander Längauer

Wenn die Welt verstummt: Absoluter Fokus 

Kurz darauf kündigte sich bereits das nächste Highlight an. Eine unverkennbare, exotische Vogelstimme tönte durch die Luft: das ikonische, rollende „prü-prü-prü“ der Bienenfresser. Ich pirschte mich weiter vorwärts, fokussiert auf jedes Knacken, jede minimale Bewegung im Augenwinkel.

Da war er wieder – dieser ganz spezielle Moment, den ich erst kürzlich bei den Rohrweihen erleben durfte: Die Zeit verliert jede Bedeutung. Die Sinne sind geschärft, der Fokus voll ausgerichtet. Jegliche Gedanken an den Alltag, alle To-do-Listen und Sorgen sind wie weggewischt. Es ist, als würde man sich selbst wie ein Smartphone in den „Nicht-Stören-Modus“ versetzen, in dem alles Irrelevante konsequent ausgeblendet wird. In unserer von Social Media und permanenter Erreichbarkeit geprägten Welt ist dieser vollständige Fokus auf die Wahrnehmung ein schöner Luxus.

Ob mir an diesem Tag auch von den Bienenfressern der perfekte Schuss gelungen ist und welche farbenfrohen Überraschungen der Norbert-Scheed-Wald noch parat hielt, erfahrt ihr im nächsten Teil meines Tourberichts!

Ps.: Hier aber noch ein kleiner Spoiler:

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