Tierportrait: Der Pirol – Das gelbe Phantom 

Der Pirol (Oriolus oriolus) wirkt durch sein auffälliges Gefieder wie ein tropischer Vogel. Seine engsten Verwandten (wie der Schwarznackenpirol) leben auch in den Tropen. Er ist der einzige Vertreter der Gattung der Pirole (Oriolidae), der auch als Zugvogel in Europa heimisch ist. 

Ein leuchtend gelber Pirol mit schwarzen Flügeln sitzt im Profil auf einem kahlem Ast vor hellem Himmel und blickt nach oben.
Ein prächtiges Pirol-Männchen (Oriolus oriolus) mit leuchtend gelbem Gefieder und kontrastreichen schwarzen Schwingen rastet kurz auf einem freien Ast in der Baumkrone. © Alexander Längauer

Der Pirol besiedelt gerne lichte Auwälder und Laubmischwälder aber auch Parkanlagen und Alleen. Mit einer Körperlänge von etwa 24 Zentimetern ist er ähnlich groß wie eine Amsel, weswegen er in der Vergangenheit den Volksnamen „Goldamsel“ bekam. Er ist außerdem unter dem Namen „Pfingstvogel“ bekannt, einen Namen den  er wegen seiner späten Rückkehr aus den afrikanischen Überwinterungsgebieten (Anfang bis Mitte Mai) bekam.

Ein gelber Pirol sitzt hoch oben auf einem dünnen, vertikalen Ast vor sanft blauem Hintergrund im warmen Licht.
Ein Pirol nutzt eine freistehende Zweigspitze als Ansitz im warmen Licht der späten Nachmittagssonne. © Alexander Längauer

Quellen zu diesem Abschnitt: BirdLife Schweiz [1], Nationalpark Donau-Auen [2], Featherbase [4]

Der Pirol im Norden Wiens

Als ich das erste Mal einen Pirol singen hörte, war ich sofort verzaubert. Lange Zeit blieben dieser charakteristische Gesang und sein gelegentlicher, krächzender Ruf allerdings alles, womit ich mich zufriedengeben musste. Ich freute mich schon, wenn ich von Zeit zu Zeit einen gelben Blitz von Baumwipfel zu Baumwipfel zischen sehen konnte, an ein Foto war lange Zeit nicht zu denken. 

Ein Pirol flutschen die Füße auf einem Ast weg, während er mit weit geöffneten Flügeln versucht die Balance zu halten.
Ein Pirol nutzt seine Schwingen auf einem dünnen Ast, um die Balance beim Start zu halten. © Alexander Längauer

Bis zu diesem Frühjahr hatte ich kein einziges brauchbares Foto dieser Art. Umso größer war die Freude, als mir Anfang Mai das erste Männchen direkt vor die Linse flog. Es war der 9. Mai – vermutlich einer der ersten Tage nach seiner Ankunft aus dem Süden. Am Wochenende zuvor war von Pirolen noch nichts zu hören gewesen. Da ich dieselbe Tour ging, bin ich mir sicher, dass ich ihn nicht überhört haben konnte: Er war ausgesprochen aufgeregt, hüpfte hektisch von Ast zu Ast und rief und sang ununterbrochen. In seiner Aufregung hat er mich anfangs überhaupt nicht bemerkt, das habe ich zum ersten mal erlebt. 

Pirol mit gelbem Gefieder sitzt schräg von unten fotografiert auf einem astfreien Zweig und dreht den Kopf nach rechts im Profil.
Perspektive von unten auf ein männliches Exemplar des Pirols (Oriolus oriolus), das aufmerksam die Umgebung beobachtet. © Alexander Längauer

Über den Sommer hinweg konnte ich schließlich einige feste Orte im DreiAnger Regionalpark und im Norbert-Scheed-Wald ausfindig machen, an denen die Pirole regelmäßig aktiv sind. Da sie bis nach ihrer Balz nicht zu überhören sind konnte ich ihre bevorzugten Aufenthaltsorte gut eingrenzen. Mit viel Geduld gelangen mir so über das Frühjahr und den Sommer hinweg einige gute Aufnahmen.

Ein gelber Pirol hangelt sich kopfüber an einem steilen Ast nach unten und blickt mit geöffnetem Schnabel gen Boden.
Ein Pirol zeigt sein akrobatisches Geschick und bewegt sich kopfüber an einem grazilen Zweig entlang. © Alexander Längauer

Ein Spezialist der Tarnung 

Trotz seiner leuchtenden Färbung ist der Pirol im Feld sehr schwer auszumachen, da er sich bevorzugt in den schattigen, obersten Etagen des Kronendachs aufhält. Die Art zeigt einen ausgeprägten Geschlechtsdimorphismus: Während das adulte Männchen mit seinem leuchtend gelben Rumpfgefieder, den schwarzen Flügeln und einem leicht rosa getönten Schnabel unverkennbar ist, tragen jüngere Weibchen und Jungvögel ein unauffälligeres, olivgrünes bis graugelbes Gefieder mit feiner Bruststrichelung.

Ein Pirol Weibchen mit gestreifter Unterseite stoßt sich dynamisch von einem Ast ab, die Flügel sind weit aufgespannt.
Dynamische Aufnahme eines Pirol-Weibchens im Moment des Abflugs von einem kahlen Ast. © Alexander Längauer

Quellen zu diesem Abschnitt: BirdLife Schweiz [1], Featherbase [4], Oiseaux-Birds [5]

Die Meisterarchitektin und ihr frei schwebendes Nest

Neben seinem Flötengesang („didlio-liu“) zeichnet sich der Pirol durch eine bemerkenswerte architektonische Leistung aus. Das Nest ist ein frei schwebender, kunstvoll verwobener Korbnapf, den das Weibchen hoch oben in waagerechten Astgabeln verankert. Als Baumaterial dienen Bast, Pflanzengräser und Speichel. Der Speichel fungiert dabei als biologischer Klebstoff. Diese spezielle Verankerung verleiht der Konstruktion eine hohe Elastizität, sodass das Nest selbst starke Stürmen unbeschadet übersteht.

Pirol Weibchen sitzt aufrecht auf einem Ast, die gelbe Unterseite und die gestreifte Brust zeigen nach vorne, der Schnabel zeigt nach oben.
Porträt eines sitzenden Pirol-Weibchens, das den Blick nach oben gerichtet hat und sich gegen den hellen Himmel abzeichnet. © Alexander Längauer

Quellen zu diesem Abschnitt: BirdLife Schweiz [1], Nationalpark Donau-Auen [2], Wildtierhilfe Wien [3]

Der Raupen-Gourmet

Bei der Nahrungswahl zeigt sich der Pirol als spezieller Feinschmecker: Er frisst bevorzugt stark behaarte Raupen (beispielsweise die des Schwammspinners oder des Prozessionsspinners), die für die meisten anderen Vogelarten aufgrund ihrer Brennhaare ungenießbar oder giftig sind. In Mitteleuropa teilt er diese Vorliebe im Wesentlichen nur mit dem Kuckuck. Ähnlich wie der Bienenfresser schlägt oder schüttelt der Pirol die Raupen vor dem Verzehr geschickt gegen Äste, um die störenden Brennhaare wirkungsvoll zu entfernen. Den ganzen Blogbeitrag zum Bienenfresser könnt ihr hier nochmal nachlesen.

Ein grünlich-gelbes Pirol Weibchen sitzt ganz oben auf einer vertikalen Astspitze, direkt darunter sitzt das leuchtend gelbe Männchen mit einer Raupe als Geschenk.
Perfekte Interaktion eines Pirol-Pärchens (Oriolus oriolus): Weibchen und Männchen sitzen untereinander auf einer freistehenden Spitze eines abgestorbenen Baumes, das Männchen hält eine Raupe im Schnabel. © Alexander Längauer

Quellen zu diesem Abschnitt: BirdLife Schweiz [1], NABU Naturschutzbund Deutschland [6]

Gefiederwandel der Weibchen im Alter

Ältere Pirol-Weibchen machen im Laufe der Jahre eine faszinierende Veränderung durch. Je älter sie werden, desto mehr wandelt sich ihr Gefieder: Die unauffällige Bruststrichelung nimmt ab, während der Gelbanteil am Rumpf deutlich intensiver wird. In der Feldornithologie ist dokumentiert, dass sehr alte Weibchen im Großgefieder optisch kaum noch von adulten Männchen zu unterscheiden sind. In der Evolutionsbiologie vermutet man hinter dieser Gefiederangleichung oft eine Form der Status-Signalisierung, die erfahreneren Tieren Vorteile bei der Revierbehauptung verschafft.

Ein gelb-grüner Pirol beugt sich auf der absoluten Spitze eines langen, dünnen, vertikalen Astes nach vorne und sichert nach unten.
Ein Pirol-Weibchen beobachtet von der höchsten Spitze eines abgestorbenen Ackerbaumes aus die Umgebung nach Insekten und Nahrung. © Alexander Längauer

Quellen zu diesem Abschnitt: Featherbase [4], Oiseaux-Birds [5]

Neue Erkenntnisse zum Gesang der Weibchen von Singvögel

Aktuelle verhaltensbiologische Untersuchungen – wie jene von Yelimlieş et al. (2026) am Galápagos-Goldwaldsänger – werfen auch auf die Interpretation des weiblichen Vogelgesangs ein neues Licht. Entgegen der traditionellen Annahme, Gesang diene fast ausschließlich Männchen zur Revierverteidigung und Brautwerbung, zeigen neuere Studien differenzierte Rollen. Bei vielen Arten reagieren Weibchen zwar physisch aggressiv auf Eindringlinge, nutzen ihren Gesang jedoch nicht primär als akustische Drohung gegen Rivalinnen. Stattdessen tritt der weibliche Gesang häufig im Rahmen von paar-internen Wechselgesängen und Duetten auf. Er dient damit vorrangig der Abstimmung zwischen den Partnern, der Aufrechterhaltung der Paarbindung und der sozialen Koordination im dichten Laubdach – Verhaltensweisen, wie sie auch beim Pirol beobachtet werden.

Pirol Weibchen sitzt frontal auf einem Pappelast, streckt den Kopf nach oben und singt mit geöffnetem Schnabel vor blauem Himmel.
Ein Weibchen des Pirols zeigt sich gut sichtbar auf einem Ast und stößt seine flötenden Rufe aus. © Alexander Längauer

Quellen zu diesem Abschnitt: Der Standard [7], ScienceDirect / Animal Behaviour [8], xeno-canto [9]

Reise in den Süden: Der Zug über die Alpen

Als obligater Transsahara-Langstreckenzieher verlässt uns der Pirol vergleichsweise früh: Bereits ab Ende Juli oder August bricht er auf direktem Weg in seine afrikanischen Überwinterungsgebiete südlich der Sahara auf. Die Zugroute führt dabei im Breitfrontzug häufig auf direktem Weg über Hochgebirge wie die Alpen.

Ein prächtiges gelbes Pirol Männchen blickt nach links, während es auf den feinen Ästen einer Pappelkrone vor blauem Himmel sitzt.
Ein Pirol-Männchen (Oriolus oriolus) präsentiert sein leuchtend gelbes Prachtkleid auf einer unbewaubten Wipfelspitze vor tiefblauem Himmel. © Alexander Längauer

Quellen zu diesem Abschnitt: BirdLife Schweiz [1], Nationalpark Donau-Auen [2]

Quellenverzeichnis

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