Wildnis mit Vision: Der Wald, der (noch) keiner ist
Der Norbert-Scheed-Wald existiert heute in erster Linie als Versprechen an die Zukunft. Er wurde nach dem ehemaligen Bezirksvorsteher Norbert Scheed benannt, der die Vision hatte, den Grüngürtel im Nordosten Wiens zu schließen. Wenn man heute durch das Gebiet wandert, findet man keine dichten, dunklen Tannenwälder. Es ist ein Wald, der in die Steppe gepflanzt wurde und dadurch auch in Bezug auf die sich entwickelnde Flora und Fauna ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten unterliegt.

Eine Steppe in Österreich?
Viele wissen es nicht, aber das Marchfeld ist der westlichste Ausläufer der großen eurasischen Steppe. Unter der Oberfläche bestehen große Teile des Marchfeldes aus Schotter und Sand. Wo der Unterboden an die Oberfläche tritt, entstehen Trockenrasen und Sanddünen. Diesem spannenden Thema werde ich definitiv noch einen eigenen Blog-Artikel widmen.
Ein Erbe aus Schienen und Wildnis
Das Herzstück dieses Areals hat etwas Magisches: Wo in den 1920er-Jahren auf dem Verschiebebahnhof Breitenlee noch Züge rangierten, hat sich die Natur das Land längst zurückgeholt. Zwischen alten Gleisresten sind wertvolle Trockenrasen und wilde Gehölze entstanden – alles, was sich unter den rauen Bedingungen der Steppe durchsetzen konnte. Es entstand ein Biotop, das so selten ist, dass es den Kern dieses neuen Erholungsraums bildet.

Es ist kein klassischer Wald, der hier geplant ist, sondern ein Mosaik. Punktuelle Aufforstungen treffen auf weite Äcker, Schotterteiche auf bunte Wiesen. Es ist ein Raum, in dem die Landwirtschaft ihren Platz behält und gleichzeitig Korridore für Tiere entstehen, die hier – wie meine Rohrweihen – ihre Kreise ziehen.

Ein moderner Puffer für den Stadtrand
Während im Süden die Seestadt Aspern als hochverdichteter urbaner Raum in den Himmel wächst, fungiert der Norbert-Scheed-Wald auf rund tausend Hektar als notwendiger Kontrast. Er dient als ökologische Spange zwischen der Lobau und dem Bisamberg. Damit entsteht eine durchgehende Grünverbindung, die verhindert, dass der Lebensraum am Stadtrand vollständig zersiedelt wird.

Für mich als Wildlife-Fotograf ist dieses Areal vor allem ein strategischer Rückzugsort für Tiere. Naturschutz braucht heute unkonventionelle Konzepte. Der Norbert-Scheed-Wald ist kein gewachsenes Relikt der Vergangenheit, sondern ein geplanter Lebensraum der Zukunft.
Durch die gezielte Kombination von Landwirtschaft und neuen Biotop-Korridoren entsteht eine funktionale Wildnis. Diese Struktur soll langfristig die notwendige Widerstandsfähigkeit entwickeln, um als Puffer zwischen der wachsenden Stadt und der sensiblen Fauna des Marchfeldes zu bestehen.

Wie geht es weiter?
Ihr konntet mich in meinem letzten Artikel über die beeindruckende Balz der Rohrweihen bereits in den Norbert-Scheed-Wald begleiten. Solltet ihr diesen Artikel versäumt haben, könnt ihr ihn hier nachlesen. Auch im nächsten Tourbericht nehme ich euch wieder mit hierher. Inhaltlich geht es dann um die Rückkehr der Urlauber aus dem Süden – und eines kann ich jetzt schon verraten: Es wird äußerst farbenfroh.


