Der Norbert Scheed Wald (Region Süd)

Wildnis mit Vision: Der Wald, der (noch) keiner ist

Der Norbert-Scheed-Wald existiert heute in erster Linie als Versprechen an die Zukunft. Er wurde nach dem ehemaligen Bezirksvorsteher Norbert Scheed benannt, der die Vision hatte, den Grüngürtel im Nordosten Wiens zu schließen. Wenn man heute durch das Gebiet wandert, findet man keine dichten, dunklen Tannenwälder. Es ist ein Wald, der in die Steppe gepflanzt wurde und dadurch auch in Bezug auf die sich entwickelnde Flora und Fauna ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten unterliegt.

Eine Rohrweihe fliegt mit ausgebreiteten Flügeln am strahlend blauen Himmel über den grünen Baumkronen des Norbert-Scheed-Waldes.
Eine majestätische Rohrweihe kreist auf der Suche nach Beute über dem dichten Grün des Norbert-Scheed-Waldes in Wien. © Alexander Längauer

Eine Steppe in Österreich?

Viele wissen es nicht, aber das Marchfeld ist der westlichste Ausläufer der großen eurasischen Steppe. Unter der Oberfläche bestehen große Teile des Marchfeldes aus Schotter und Sand. Wo der Unterboden an die Oberfläche tritt, entstehen Trockenrasen und Sanddünen. Diesem spannenden Thema werde ich definitiv noch einen eigenen Blog-Artikel widmen.

Ein Erbe aus Schienen und Wildnis

Das Herzstück dieses Areals hat etwas Magisches: Wo in den 1920er-Jahren auf dem Verschiebebahnhof Breitenlee noch Züge rangierten, hat sich die Natur das Land längst zurückgeholt. Zwischen alten Gleisresten sind wertvolle Trockenrasen und wilde Gehölze entstanden – alles, was sich unter den rauen Bedingungen der Steppe durchsetzen konnte. Es entstand ein Biotop, das so selten ist, dass es den Kern dieses neuen Erholungsraums bildet.

Ein langer Güterzug mit bunten Graffitis steht auf stillgelegten Gleisen im Norbert-Scheed-Wald bei Sonnenuntergang, Hintergrund Industrielandschaft.
Die stillgelegten Gleisanlagen und der Graffitizug bilden einen harten Industriekontrast zur Wildnis des Norbert-Scheed-Waldes. © Alexander Längauer

Es ist kein klassischer Wald, der hier geplant ist, sondern ein Mosaik. Punktuelle Aufforstungen treffen auf weite Äcker, Schotterteiche auf bunte Wiesen. Es ist ein Raum, in dem die Landwirtschaft ihren Platz behält und gleichzeitig Korridore für Tiere entstehen, die hier – wie meine Rohrweihen – ihre Kreise ziehen.

Ein hellbraun-graues Kalb mit kleinen Hörnern steht aufmerksam blickend zwischen jungen Bäumen und Gestrüpp auf einer Koppel.
Ein junges Rind blickt neugierig durch das dichte Unterholz auf einer Weide im Norbert-Scheed-Wald. © Alexander Längauer

Ein moderner Puffer für den Stadtrand

Während im Süden die Seestadt Aspern als hochverdichteter urbaner Raum in den Himmel wächst, fungiert der Norbert-Scheed-Wald auf rund tausend Hektar als notwendiger Kontrast. Er dient als ökologische Spange zwischen der Lobau und dem Bisamberg. Damit entsteht eine durchgehende Grünverbindung, die verhindert, dass der Lebensraum am Stadtrand vollständig zersiedelt wird.

Ein schmaler, geschwungener Pfad führt durch dichtes grünes Gebüsch und Wiesen im Norbert-Scheed-Wald.
Ein verschlungener Pfad lädt zum Erkunden des Norbert-Scheed-Waldes ein. © Alexander Längauer

Für mich als Wildlife-Fotograf ist dieses Areal vor allem ein strategischer Rückzugsort für Tiere. Naturschutz braucht heute unkonventionelle Konzepte. Der Norbert-Scheed-Wald ist kein gewachsenes Relikt der Vergangenheit, sondern ein geplanter Lebensraum der Zukunft.

Durch die gezielte Kombination von Landwirtschaft und neuen Biotop-Korridoren entsteht eine funktionale Wildnis. Diese Struktur soll langfristig die notwendige Widerstandsfähigkeit entwickeln, um als Puffer zwischen der wachsenden Stadt und der sensiblen Fauna des Marchfeldes zu bestehen.

Ein weites, grünes Feld im Norbert-Scheed-Wald, das im weichen Tageslicht von einer dichten Baum- und Strauchreihe im Hintergrund begrenzt wird.
Weite und Kontrast: Die offenen Agrarflächen im Norbert-Scheed-Wald, gesäumt von wichtigen Gehölzstrukturen. © Alexander Längauer

Wie geht es weiter?

Ihr konntet mich in meinem letzten Artikel über die beeindruckende Balz der Rohrweihen bereits in den Norbert-Scheed-Wald begleiten. Solltet ihr diesen Artikel versäumt haben, könnt ihr ihn hier nachlesen. Auch im nächsten Tourbericht nehme ich euch wieder mit hierher. Inhaltlich geht es dann um die Rückkehr der Urlauber aus dem Süden – und eines kann ich jetzt schon verraten: Es wird äußerst farbenfroh.

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